Drei Fragen an…

Matthias Günther, Dramaturg und Regisseur der SCHNAPSBUDENBESTIEN, hat die HUGO BALL-Wanderbühne eingepackt und ist mit seinen Schnapsideen zu Gast im Lenbachhaus. Quasi bereits auf dem Weg dorthin hat er uns noch einen kurzen Exkurs über das Leben und die Kunst, den Dadaismus, und die Geschichte des Ersatzdarstellens gegeben.

Die Hugo-Ball-BühneWer steht da auf der Kiste – Matthias Günther oder Hugo Ball?
Auf der Minibühne steht ein Ersatzdarsteller. Hugo Ball kann man ja nicht exhumieren und deshalb muss das der Ersatzdarsteller machen und in dem Fall biete ich sozusagen meine Hülle an. Das heißt aber nicht, dass ich von Hugo Balls Geist besessen bin. Kennt ihr die Geschichte des Ersatzdarstellens? Das war ja auch im Fernsehen so, als man Werbung gemacht hat für Damenbinden. Da hat man immer mit Ersatzflüssigkeit hantiert. Die war blau, damit sie nicht rot ist. Ich bin also im Prinzip die blaue Ersatzflüssigkeit, die blutleere, blaue Ersatzflüssigkeit, also ein Ersatzdarsteller. Ich stelle meinen Körper zur Verfügung und spreche den Text.

Schnapsideen
Warum steht die Hugo Ball Bühne jetzt im Lenbachhaus?
Das Lenbachhaus ist das zentrale Museum in München, das Franz Marc und Wassily Kandinsky beherbergt, die Gründungsväter des Blauen Reiters. Und Hugo Ball hatte 1914 die Idee, ein komplett neues Theater zu initiieren. Ein Gegenmodell zu Wagners Bayreuth, in dem nicht unbedingt die Musik das Überdominante darstellt, sondern vielleicht die Farben. Er hat sich mit Kandinsky und Marc getroffen und sie waren an sehr guten interessanten avantgardistischen Ideen dran, wie die Bühne und die Darstellungsformen der Zukunft aussehen müssten. Dann brach der Erste Weltkrieg aus und das war das Ende der Avantgarde. Mit der relativ fatalen Konsequenz, dass Franz Marc als Soldat an die Westfront  marschiert ist, jubelnd zuerst. Im März 1916 ist er  gefallen. Kandinsky musste Deutschland verlassen, ist nach Russland zurückgegangen und Hugo Ball hat gemeinsam mit seiner Frau gemerkt, dass das mit dem Krieg nicht die richtige Variante ist. Also ist er in die Schweiz gegangen und hat dort 1916 das Cabaret Voltaire gegründet. Gegenüber wohnte Lenin, der bereitete die Revolution in Russland vor und Hugo Ball und seine Freunde probierten sich im Dadaismus und stellten das Wortlautgedicht ins Zentrum ihrer Kunst. Das erinnerte stark an dieses Künstlertheater, das sie einst hier in München vorhatten.  Hugo Ball war der erste Dramaturg der Kammerspiele und Kandinsky und Franz Marc haben viel mit dem Lenbachhaus zu tun und deshalb finde ich es interessant, an diesem Ort, in einem Raum, in dem Bilder von Kandinsky hängen, eine Skulptur zu präsentieren.

Hugo-Ball-Spirit im LenbachhausSind wir nicht alle ein bisschen dada?
Dada geht ja in der Wortgeschichte auch wieder auf die Kammerspiele zurück, nämlich auf einen Künstler, der hier ganz wichtig war: Frank Wedekind. Er war ein großes Vorbild von Hugo Ball, weil er so eine bestimmte Art zu spielen hatte. Er hat nie die  vierte Wand  eingehalten, sondern das Publikum  in sein Spiel mit einbezogen. Er hatte so eine Art, die völliger Irrsinn war. Hugo Ball hat da sehr genau drüber berichtet. Wedekind hat ja mal sein großes OHA-Drama geschrieben – oha oha dada, so ist dieses Dada entstanden. Was mich interessiert, ist eigentlich, auf was Dada die Antwort ist. Dada ist die Antwort auf die Frage, die Wowo nie stellte. Für mich ist es im Prinzip der Versuch, Worte in Laute aufzulösen. Ein interessantes Unterfangen. Gerade im Theater sprechen wir theoretischerweise immer mehr darüber, wenn wir zu beschreiben haben, was auf der Bühne gerade stattfindet. Wir sprechen von Begriffen wie Musikalität. Was ist musikalisch? Und das verweist schon darauf, dass dieser Verstehensterror, den viele immer haben, wenn sie im Theater sind. Diese Angst der Zuschauer, dass sie aus dem Theater rausgehen und draußen wartet die Deutschlehrerin und fragt: „Na worum ging’s inhaltlich, beschreib doch mal kurz.“ Und man hat eigentlich einen ganz anderen Abend erlebt, wo man gar nicht auf Worte geachtet hat sondern sich in einer merkwürdigen illustrativen rezipierenden Kopfbewegung befand, die viel mehr mit lichten Momenten, mit choreographischen Ausdrucksmöglichkeiten, mit mimischen Verzerrungen, mit gestischen Geschichten und da geht’s vielleicht nicht nur um Wortinhalt zu tun hat. Und diese Befreiung des Wortes in etwas ganz anderes ist den Dadaisten gelungen. In etwas, das ja dann eine lange Tradition hat, die übergeht in die konkrete Poesie in der Nachkriegszeit und das, was Ernst Jandl gemacht hat, eine höchst kunstvolle Umsetzung und Weiterentwicklung von Wortlauten bis hin zum Punk. Das Schöne an Dada ist, dass man einen humorvollen Zugriff auf die Welt hat und da gibt’s ja einen großen Verlust.

Annelie Heitmann, Carolina Zimmermann

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