Retrofuturismus Now!

Im Mai findet der letzte Teil der Kraut & Drastik Reihe statt. Tobias Staab, Dramaturg, hat die Reihe kuratiert und gibt einen kleinen Ausblick auf den krönenden Abschluss am 17. Mai.

„Die Krauts kommen“. „Krauts“, so nannten die Briten die Deutschen während des zweiten Weltkriegs. „Die Krauts kommen“, sagten wieder die Briten, als Ende der sechziger Jahre die Deutschen begannen, mit elektronischem Instrumentarium und semi-religiöser Psychedelik neue Klangwelten zu erforschen. Als Krautrock wurde von den britischen Journalisten damals so ziemlich alles bezeichnet, was dann in Deutschland an experimentellen Sounds in den Äther geschickt wurde – ganz gleich ob dabei verschwurbelte Synthie-Sounds, psychedelischer Ethno-Jazz oder tatsächlich Rock die Grundlage bildeten. Kraut war halt Kraut.

Doch was viele dieser deutschen Künstler bis heute als unzureichende Verallgemeinerung, gar als Beschimpfung empfinden, gilt in Kennerkreisen als liebevolle Bezeichnung für die vielleicht wichtigste Umbruchzeit der Popkultur, die nicht nur erstmals zu einer intimen Liaison zwischen E- und U-Kultur führte, sondern auch zu neuen Klängen, Genres und zu einer Infragestellung der – als absolut gesetzten – abendländischen Perspektive.

„Diese Entwicklung führte in alle möglichen Richtungen: zur Anerkennung der Künstlichkeit im Gebrauch der Mittel und folglich einer spielerischen, oft ironischen Erweiterung, zur Ausbildung spiritueller Systeme und Wahnsysteme, die schließlich massenhaft in die New-Age-Kultur führten, zu feministischen und queeren Neubeschreibungen der Funktion von Körperlichkeit in den Initiationsszenarien der Pop-Musik, die die Initiation und den Körper behalten, aber Letzteren anders einbauen und womöglich überhaupt einen anderen Körper wollten, und solchen, die sich von der Fixierung auf Letztbegründung durch den Körper gerade verabschiedeten.“ (Diedrich Diederichsen)

Heute kommen die Krauts allerdings aus Chile. Oder aus Frankreich. Oder eben aus England. Sich auf Krautrock zu beziehen, gehört beim experimentierfreudigen Pop-Musiker gewissermaßen zum guten Ton. Jetzt, da Punk nur noch in Geschichtsbüchern stattfindet, der strenge Geek den verlotterten Indie-Rocker abgelöst hat, und sich überhaupt das, was früher mal Indie hieß, endgültig in eine Sackgasse verfahren hat. Es ist Zeit für ein internationales Kraut-Revival. Der dritte Frühling quasi – der zweite hatte bereits in den Neunzigern stattgefunden, als die No-Waver Sonic Youth plötzlich erzählten, wie wichtig Can und Neu! für sie waren. Dieser dritte Frühling wird allerdings von der Post-Techno-Generation eingeleitet, jungen kunst-affinen Club-Elektronikern also, denen auf einen Schlag klar wurde, das auch die Avantgarde eine Tradition hat. Egal ob James Holden, Walls, Juju & Jordash oder Âme – die Guten beziehen sich alle auf Krautrock.

Bei der letzten Folge unserer Konzert- und Partyreihe KRAUT & DRASTIK geht es logischerweise um alles: Wie hat die Welt den Krautrock beeinflusst, wie der Krautrock die Welt? Welche afrikanischen, indischen und ostasiatischen Musikkulturen haben sich in die kosmische Musik von damals, und damit: in die Pop-Musik der Gegenwart, unwiderruflich eingeschrieben? Wie kommt es, dass Clubgänger der Gegenwart ihre Rituale, Trance- und Schwellenzustände auf eine halb-intellektualistische, halb spiritistische Hippiebewegung zurückführen, und dass die Fluchtlinie aus der digitalen Vereinheitlichung direkt zu analogen elektronischen Instrumenten führt, die vor fast einem halben Jahrhundert erfunden wurden? Kann auch Avantgarde im Zuge eines Retro-Hypes wiederholt werden? Brauchen wir einen neuen Retro-Futurismus?

Am 17.5. berichten die Pariser Clubelektroniker von Zombie Zombie und die chilenischen Psychedeliker von Föllakzoid von ihren Erweckungserlebnissen durch die kosmische Musik der Siebziger Jahre und wie die damals neue Körperlichkeit heute gelebt werden kann. Die New Yorker Musikjournalistin Geeta Dayal, die ein Buch über Brian Eno geschrieben hat, führt durch den Abend und versucht, die offenen Fragen jedenfalls teilweise zu klären. Kraut is not dead. Es gibt jedenfalls noch einiges zu erzählen …

Tobias Staab

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