Realität im Visier

Mit einem Aufruf zur Blogparade stellt das Lenbachhaus Fragen nach der Bedeutung sowie den fremd- und selbstbestimmten Aspekten von Arbeit in unserer Gegenwart. Unsere Produktion ILONA. ROSETTA. SUE. befasste sich mit dem Verlust von Arbeit und den sozialen Folgen. Der estnische Dramaturg Eero Epner reflektiert in seinem Text über den Tagesablauf eines arbeitslosen Menschen und das schwierige Verhältnis von Fremd- und Selbstbestimmung in diesem speziellen Fall:

Welche Möglichkeiten hat das Theater, dem Trommelfell der Gesellschaft seine Botschaft einzuflüstern? Allem Anschein nach ist die einfachste Art, seine Botschaft loszuwerden, zu sagen, was man sagen will, und dann zu hoffen, dass das Gesagte mit möglichst geringen Verlusten auch beim Zuhörer ankommt. Eine solche Herangehensweise könnte man als themenorientierte Strategie bezeichnen: Man wählt ein Thema, formuliert die wesentlichsten Standpunkte und präsentiert sie dem Zuschauer dann so, dass der eine Vorstellung sowohl von dem aktualisierten Thema als auch vom Standpunkt des Theaters bekommt. Warum nicht. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten.

Für die Kunst ist häufig eine Ambivalenz charakteristisch, eine gewisse Ratlosigkeit, ein Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, eine Verlegenheit. (Ehrlich gesagt ist häufig gerade diese Verlegenheit die Kraft, die ein Kunstwerk überhaupt erst entstehen lässt.) In einem solchen Fall ist es ziemlich kompliziert sich eine passende Botschaft auszusuchen, weil jede Botschaft das Gefühl erzeugt, dass man sie eigentlich nicht unterschreiben kann, weil es in ihr zu viele Widersprüche gibt. Theater ist in erster Linie emotionale Sprache und das in dieser Sprache Gesagte kann niemals die Rolle eines perfekten Kommunikationsmodells auf sich nehmen – denn man schießt ja immer daneben. Daneben schießt man allein schon deswegen, weil man häufig versucht Dinge zu behandeln, die man nicht benennen kann. Oder umgekehrt, man kann sie nur allzu genau benennen, aber wegen dieser Genauigkeit verändern sie sich sofort in naive Klischees. Nehmen wir zum Beispiel die Zeit eines Arbeitslosen. Davon gibt’s plötzlich sehr viel. Wie aber soll man diese Zeit benennen? Wie kann man sie überhaupt registrieren, und warum soll man sie für wichtig halten? Soll man sich mit der Feststellung zufrieden geben, dass die Tage nicht mehr in einem sozialen, sondern in einem biologischen Rhythmus beginnen, nicht mehr die Fabriksirene weckt einen, sondern der Sonnenaufgang? Aber statt eines lyrischen Gefühls überkommt den Menschen vielmehr Angst, denn beim Blick aus dem Fenster auf die leeren Straßen begreift er, dass er in seiner biologischen Existenz alleingelassen ist? Oder soll man noch eine Stufe weitergehen, sich eingraben in eine Atmosphäre des Zeitlaufs, der allmählich unheimlich wird, wo die Zeit nicht mehr von der Dramaturgie der Alltagsroutine eingeteilt wird, sondern wo sie einem zwischen den Fingern zerrinnt? Sie wird von nichts mehr zusammengehalten, von gar nichts, weil die Kraft des Menschen kaum dazu reicht, sich selbst aus dem Bett zu wuchten, und die Forderung nach einer effektiven Zeitnutzungsstrategie ganz bestimmt zuviel verlangt ist. Die Freiheit aufzuwachen und nicht zu wissen, welcher Tag es ist, ist etwas für Starke, aber die meisten von uns – die nicht Erleuchteten – sind nicht stark. Ein Leben ohne Wecker, ohne Mittagspause oder ohne Fünf Uhr zwingt uns die unumgängliche Zeitweiligkeit von Zeit zu begreifen, die unwiederholbare Vergänglichkeit eines jeden Moments, und bestenfalls enden wir in Melancholie, im schlechteren Falle in Depression und Todesangst, Gardinen vor unserem Leben und unseren Fenstern.

Oder wie wäre es mit der Einsamkeit? Mit dem Gefühl, dass die soziale Struktur, die uns gestern noch zu Füßen lag und uns notwendig genannt hat, die uns jeden Abend auf die Wange geküsst hat, am nächsten Morgen aber spurlos verschwunden ist wie Shampoo im Fell eines Schoßhundes? Es gibt „mich“ und es gibt „sie“, die glücklichen, triumphierenden Glieder des Netzwerks, die alle einen Stuhl gefunden haben, als die Musik aufhörte zu spielen, und die uns von ihren Stühlen aus zuwinken und von ganzem Herzen mit uns fühlen, aber wenn die Musik wieder anfängt, senkt sich ein Schleier auf ihr Antlitz, denn im brutalen Überlebenskampf ist kein Platz für Softies. Aber, aber, so klopft uns der kleine Humanist auf die Schulter, wir leben doch in einer modernen Welt, wer seine Arbeit verloren hat, wird hier nicht zum Paria, und niemanden werden Lebensnormen aufgezwungen. Es gibt verschiedene Formulare und Vordrucke, bitte wählen Sie sich eines aus. Und schon steht der Mensch auf, schon geht er einen Stift holen, rubriziert sich fein säuberlich hier und da in den Formularen, nur um sich von dem fürchterlichen Einsamkeitsgefühl zu befreien, das alle übermannt, die nicht die Bohne mit ihrer Zeit anzufangen wissen und die von Menschen umgeben sind, die alle etwas zu tun haben. Freiwillige Einsiedelei, wahres Eremitendasein, antikapitalistisches Denken – edel als Idee, aber wenn unsere Bedürfnisse mit banaleren Erscheinungen wie die Schuluniform der Kinder, die Waschmaschinenluke oder das Pflegeheim von Großmutter verbunden sind, dann bietet die Möglichkeit wenig Trost, dass ein erleuchteter Mensch irgendwann hoch über den Banalitäten schweben kann.

Aber diese Dinge kann man im Theater nicht beim Namen nennen, Man kann von ihnen auch nicht sprechen. Man kann sie zeigen. Atmosphären. Zustände. Den Lauf der Zeit. Abstrakter Realismus.

Eero Epner

Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt

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