Pasolinis Wüste

Tobias Staab, Dramaturg, sprach vor der Premiere mit Johan Simons über seine Inszenierung von DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN.

Tobias Staab: Während der Proben hast du zu den Schauspielern einmal gesagt, dass man diesen Text eigentlich nicht spielen kann. Was hast du damit gemeint?

Johan Simons: Der Text lässt einem keine Möglichkeit zu ankern. Deshalb ist mir die Form so wichtig, dass die Schauspieler den Text lesen. Die Realität da draußen scheint viel theatralischer zu sein als das, was im Theater stattfindet. Deshalb will ich bei diesem Stück auch nicht nach Möglichkeiten der Identifikation suchen. Es geht mir eher darum, den Text in seiner Kargheit zu betrachten und ihn sprechen zu lassen, ohne dass man versucht, daraus wirkliche Rollen abzuleiten. Es gibt natürlich auch Stellen, an denen man sich wohl mit dem Text kurz identifizieren kann, aber jeder Satz könnte hier auch eine Lüge sein. Man versucht, die Wahrheit herauszufinden, aber die Wahrheit wird immer diffuser. Das habe ich auch bei dem realen NSU-Gerichtsprozess gemerkt. Ich war als Besucher dort. Die Stimmung dort war sehr fremd für mich.

TS: Hast du von dem Prozessbesuch etwas für die Inszenierung mitnehmen können?

JS: Ja, eine Art Unglauben an alles, was dort gesagt wurde. Man hat das Gefühl, dass es überhaupt keine Wahrheit mehr gibt. Darum darf man auf der Bühne auch nicht versuchen, nach einer Wahrheit zu suchen. Dabei stellt man sich natürlich als Deutscher auch selbst infrage. Aber auch ich als niederländischer Regisseur, Risto Kübar als estnischer, Benny Claessens als belgischer Schauspieler oder Muriel Gerstner als Schweizer Bühnenbildnerin. Sind die Dinge, die hier über Deutschland gesagt werden, sind das Dinge, die uns alle anbelangen? Benny Claessens und ich sind auch schon fast fünf Jahre hier in diesem Land und dabei lernt man ein Land kennen. Es verwundert mich immer wieder im Positiven, wie die Leute hier die Kunst lieben. Andererseits dominiert hier aber auch diese unglaubliche Disziplin, diese unendliche Genauigkeit und dieses Festhalten an den Fakten. Das ist es natürlich, was Jelinek jetzt infrage stellt. Was sind wirkliche Fakten? Können Fakten auch Lügen sein? Was ist Wahrheit?

TS: Beate Zschäpe hält an ihrer Strategie fest, sich nicht zur vermeintlichen Wahrheit zu äußern. Als das schweigende Mädchen steht sie im Titel und damit im Zentrum des Stückes. Als Figur kommt Zschäpe bei dir eigentlich nicht auf der Bühne vor, zumindest nicht direkt …

JS: Dann hätte man es mit Identifikation zu tun. Ich würde es einem Schauspieler nie antun, Beate Zschäpe spielen zu müssen. Das finde ich unmoralisch. Wie soll man das auch spielen? Hitler zu spielen ist schwierig, aber es gibt da glücklicherweise einen bestimmten Abstand. Hier ist das Problem direkt anwesend. Sie schweigt und sie lebt noch immer.

TS: DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN ist bereits deine fünfte Inszenierung eines Textes von Elfriede Jelinek. Hast du das Gefühl, dass es dir dadurch leichter fällt, an einen Jelinek-Text heran zu treten? Oder beginnt der Zugang jedes Mal aufs Neue bei Null?

JS: Der Zugang beginnt jedes Mal bei unter Null, würde ich sagen. Ich liebe diese Texte, weil ich sie als Niederländer fünf Mal lesen muss, bevor ich sie verstehe. Aber es gibt immer eine unglaubliche Vertikalität in diesen Stücken. Wenn man einen Text zum ersten Mal liest, dann bekommt man das noch nicht wirklich mit, dann sind das erst einmal große Textflächen. Dann kommt aber irgendwann der Punkt, an dem man denkt, dass man auch sein eigenes Kunstwerk daraus machen kann. Jelinek schreibt demokratisch. Sie macht ihr eigenes Kunstwerk und daraus muss der Regisseur zusammen mit seinen Schauspielern wieder ein eigenes Kunstwerk machen. Darum könnte ich aus DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN nächstes Jahr wieder eine völlig neue Inszenierung machen, und das Jahr darauf auch noch mal. Eine Trilogie könnte man daraus machen, das könnte sogar spannend sein. Man kann die Texte immer wieder aus neuen Perspektiven betrachten. Darum ist eine Inszenierung immer nur ein Versuch. So wie Schauspiel immer nur ein Versuch sein kann. Man versucht, da zu sein auf der Bühne, aber man ist eigentlich nicht da. Weil dieses Da-Sein immer auch Theater ist, was nicht wahr sein kann. Eine Sache, die ich an Deutschland liebe, ist das Wort „Proben“. Proben ist ein unglaublich guter Begriff, weil es dabei – wenn man das ganz konsequent durchführt – immer um einen großen Versuch geht. Und wenn man dann noch sagt, Theater sei die Kunst des Moments, dann kann man im Versuch oder Ausprobieren eigentlich nicht konsequent genug sein. Dann stehen wir – und das ist dabei so modern für mich – ganz am Anfang des Theaters. Mit diesem Versuch, auf der Bühne zu sein, sind wir lange noch nicht fertig. Und das interessiert mich wirklich an Elfriede Jelineks Arbeit. Du weißt das selber, wenn man das Stück bearbeitet, ist jede Entscheidung vielleicht auch der falsche Weg.

TS: Nun ist es ja so, dass du innerhalb der letzten vier Jahre allein an den Münchner Kammerspielen drei Stücke von Jelinek inszeniert hast. Angefangen mit WINTERREISE über DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL. bis hin zu DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN. Fühlen sich diese drei Inszenierungen wie eine Art Trilogie an?

JS: Nein.

TS: Waren das völlig unterschiedliche Herangehensweisen?

JS: Für mich schon. Das hoffe ich jedenfalls. Meine Hoffnung ist immer, dass meine nächste Arbeit nicht der Arbeit davor gleicht. Das gelingt natürlich nicht immer, aber das ist auch wieder so ein Versuch, sich selber zu erneuern. Und dafür eignen sich die Texte von Elfriede Jelinek vielleicht besonders.

TS: Wo liegen deiner Meinung nach die größten Gefahren bei der Inszenierung eines Jelinek-Textes?

JS: Dass die Leute das Theater verlassen.

TS: Ich meinte eigentlich, welche Fehler man als Regisseur bei der Inszenierung eines Jelinek-Textes machen kann.

JS: Man muss bei Jelinek versuchen, so viele Fehler wie möglich zu machen. Ich denke dabei oft an die Arbeit von Pasolini. Pasolini hat sein Publikum nie gestreichelt. Er hat in seinen Filmen immer neue Sehgewohnheiten untersucht und wurde dabei nie beliebig. Pasolini zeigte fast immer die Wüste. Und dieses Stück von Jelinek zeigt mir Pasolinis Wüste. Wir stehen da, unbequem, und wissen nicht, wie es weitergehen kann. Aber vielleicht geht es auch darum, diese Verlorenheit zu akzeptieren.

TS: Bei Pasolini hat das Bild der Wüste immer auch eine politische Dimension. Wie wichtig ist dir solch ein politischer Gestus im Theater?

JS: So politisch wie möglich, allerdings auf eine weite Strecke hin gesehen. Das Politische liegt nicht nur in der Aussage, sondern auch in der Form des Stückes. Politik ist etwas, das die Dinge öffnen muss, etwas, was uns eine Utopie vermittelt. Eine negative oder eine positive. Meiner Meinung nach kommt die Dystopie der Realität meist am nächsten. Damit muss man im Theater arbeiten – das betrifft sowohl die Texte, als auch die Form.

TS: Du hast Elfriede Jelinek im Vorfeld Deiner Inszenierung gefragt, warum sie den NSU-Prozess mit religiösen Figuren, Propheten, Engeln und einer Jungfrau kontextualisiert. Du hast gesagt, dass du damit erstmal nichts anfangen kannst.

JS: Ja, stimmt. Aber was man hier schlussendlich zu sehen bekommt, ist eine Vorstellung voll von religiösen Kontexten. Das hat sicher auch mit den Kostümen zu tun, Elfriede Jelinek bezieht jedoch auch immer Archetypen mit ein. Die griechische Mythologie und biblische Verweise sind in ihren Stücken immer präsent. Das finde ich wunderbar, weil sie damit zeigt: Leute, wir sind das Abendland – egal wie sehr man eine Gesellschaft modernisiert, die christliche Kultur hat noch immer einen großen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Unsere Ideen von Humanismus oder Glauben sind eng mit den Ideen des Christentums verbunden. Wir sind Teil dieser christlichen Geschichte. Für mich ist das schwierig, weil ich lange an Gott geglaubt habe, bis ich zwölf oder dreizehn war. Dann kam der Zweifel. Die glücklichste Phase in meinem Leben war die Phase, als mein Leben im Dienst Gottes, also von etwas Größerem stand. Dieses Größere habe ich verloren, aber die Moral, mit der ich heute immer noch umgehe, ist natürlich sehr christlich geprägt.

TS: Würdest du dich trotz allem als religiösen Menschen beschreiben?

JS: Religiosität bedeutet mir schon etwas. Wenn ich in eine Kirche komme, dann fällt es mir einige Sekunden schwer, mich nicht hinzusetzen und Gott etwas zu fragen.

TS: Ist es eine intellektuelle Anstrengung, nicht an Gott zu glauben?

JS: Es ist eine intellektuelle Anstrengung, ja. Ich muss in diesem Zusammenhang an meinen Vater denken. Er ist mitten im Sommer gestorben. Er war ein sehr einfacher Mann, sehr gläubig. Und er ist sehr glücklich gestorben. Er sagte, das schönste Lied, das er kennt, ist „Stille Nacht“. Also haben wir mitten im Sommer die Schallplatte „Stille Nacht“ aufgelegt. Dann ist er gestorben.

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