MÄRZ: Johan Simons assoziiert

Mit MÄRZ hat sich Johan Simons als Regisseur einen Stoff vorgenommen, der auch persönliche Assoziationen bei ihm geweckt hat. Unser Dramaturg Jeroen Versteele hat ihm ein paar Schlagworte geliefert, auf die er hier eingeht. Am Donnerstag und Freitag, 13. und 14. November, spielen wir die ersten beiden Vorstellungen nach der Wiederaufnahme. Am 15. Dezember ist die Produktion zum letzten Mal zu sehen.

Johan Simons assoziiert

ALEXANDER MÄRZ
Mein Vater hatte auch einen Hasenscharte, genauso wie die Figur von Alexander März. Auch er hatte eine unglaubliche Phantasie. Er assoziierte sehr frei, war auf seine Art extrem lustig. In meinem Dorf akzeptierte man die Hasenscharte meines Vaters irgendwie, es gab gar keine andere Wahl, der Gemeinschaft fehlte aber trotzdem die Fähigkeit, sensibel mit seiner Sprachbehinderung umzugehen. Als Kind wurde ich selbst auf der Straße nachgeäfft. Die einen riefen „Hu!“, die anderen „He!“ und kombiniert klang das wie der unverwechselbare Ton einer Hasenscharte. Bis heute bemerke ich es immer, wenn jemand wegen einer Hasenscharte operiert wurde, sogar wenn kein anderer es sieht.

SPRACHBILDER
Wegen März‘ Hasenscharte habe ich mich gleich für Heinar Kipphardts Buch interessiert. In den Achtzigern habe ich sogar schon mal eine Inszenierung in den Niederlanden gemacht, die auf dem Roman basierte. Ich weiß zwar nichts mehr über diese Produktion, keine einzige Erinnerung habe ich mehr an sie. Ich weiß nur noch, dass die Vorstellung sich in einer Anstalt abspielte. So würde ich die Geschichte heute nicht mehr erzählen, es wäre viel zu eindeutig. Jetzt haben wir eine Inszenierung für unsere Spielhalle gemacht, mit Sylvana Krappatsch, Sandra Hüller und Thomas Schmauser. Eine Traumbesetzung. Die Figur von Sylvana liest Texte des Psychiater Koflers, der sich besonders für März interessiert. Er ist fasziniert von den Gedichten, die März schreibt, von seinem Blick auf die Welt, von seinen Empfindungsfähigkeiten und den Bildern, die März in seiner Sprache entstehen lässt.

FREIHEIT
März führt eine Beziehung mit Hanna, mit der er aus der Anstalt geflohen ist. Die Verbindung zwischen den beiden ist sehr stark, läuft aber aus dem Ruder. Man sieht zwei hoch empfindliche Wesen, die einander gerne haben oder eben lieben. Nur, das geht nicht, weil sie zu empfindlich sind. Oder weil sie zu viel Kind in sich tragen. Und das Kind in ihnen ist stark verletzt worden, sie haben beide früher viel Schmerz gekannt, sie sind traumatisiert. Ihr ganzes Leben steht im Zeichen des schwierigen Umgangs mit ihren Verletzungen und ihrer Empfindlichkeit gegenüber der Welt. Sie brauchen und erkämpfen sich eine große persönliche Freiheit. Die Freiheit, die sie brauchen, eine Freiheit im Denken und Handeln, damit kann unsere Gesellschaft nicht umgehen. Unsere Gesellschaft ist zu kalt, zu durchorganisiert, zu sehr leistungsorientiert, um sich mit einem solchen freien Benehmen auseinanderzusetzen. Alexander März und Hanna Grätz erkämpfen sich diese Freiheit auf eine intuitive, unwiderstehliche Art. Sie haben keine andere Wahl, als sich so zu verhalten, wie sie das tun.

ERINNERUNG
Für die Schauspieler, Sandra und Thomas, stellt das eine große Herausforderung dar. Auch sie brauchen beim Spielen eine enorme Freiheit. Beim Proben habe ich deswegen versucht, eine große Wärme zu entwickeln, damit die Schauspieler eine Vertrautheit aufbauen konnten. Eine Vertrautheit mit sich selbst, mit dem Raum, mit den Texten, mit einander. Das ist notwendig, wenn man nicht gleich zu kämpfen anfangen möchte, wenn das Publikum hereinkommt. Mann soll sich beim Spielen dieses Textes alles trauen, man soll den Mut haben, die totale Freiheit ins Auge zu fassen, seiner Intuition zu folgen. Die erste Intuition ist eine körperliche, die kommt aus einem tiefen Wissen hervor, aus einer tiefen Erinnerung. Sie hat oft eine unglaubliche Qualität. Sie hat viel mit dem zwanghaften Benehmen der beiden Figuren zu tun, und stellt für mich gleichzeitig ein großes Thema der Schauspielkunst dar.

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