Menschliche Abgründe

Interview mit dem Dramaturgen Koen Tachelet zu WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?

Wie seid ihr es angegangen, einen Film auf die Bühne zu bringen? Haben die Unterschiede zwischen diesen beiden Medien eine Rolle bei euren Überlegungen gespielt?
Für Susanne Kennedy macht das keinen Unterschied. Sie entwickelt eine eigene Theatersprache und differenziert in ihrer Arbeitsweise nicht zwischen Film und Theater. Ihre Inszenierung entwickelt sie aus allem, was zur Verfügung steht. WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? stellt für Susannes Art, Theater zu machen ein großes Potenzial dar. Der Gedanke, dass man einen Film als Medium auf die Bühne bringt, war dabei kaum von Bedeutung. Susanne ist sehr von Fassbinder beeinflusst worden, auch in ihrem Umgang mit Schauspielern. Häufig befinden sich diese in seinen Filmen in intimen Situationen und Innenräumen. Sie erzählen eine Geschichte. Die Kamera folgt ihnen, erzählt jedoch eine eigene Geschichte zu derselben Situation. Daraus ergeben sich zwei Ebenen, die Susanne auch in ihren Inszenierungen sucht und aufgreift. Das Geschehen lässt sich somit auch auf einer anderen Ebene verfolgen. Es wird dadurch geöffnet für Interpretationen und Assoziationen des Zuschauers. Das ist gerade bei diesem Film sehr wichtig, da die Dialoge größtenteils aus Improvisation entstanden sind. Dadurch erscheinen die Szenen teilweise sehr dünn und nicht fassbar, beinahe flüchtig. Das interessiert Susanne Kennedy an diesem Stück. Der Alltag wird in seiner Flüchtigkeit gezeigt. Plötzlich findet etwas so Grausames am Ende statt. Diese Mischung aus Alltagsszenen und Skandalösem bildet eine Besonderheit des Filmes.

Bei der Inszenierung setzt ihr auch Videomaterial ein, um diese einzelnen Szenen voneinander abzugrenzen?
Ja, ähnlich wie bei FEGEFEUER IN INGOLSTADT, das in einzelnen Bildern aufgebaut ist. In WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? fährt eine Leinwand nach unten, auf der verschiedene Videoprojektionen zu sehen sind. Es wird eine Art Echo von dem Geschehen auf der Bühne erzeugt. Der Abend zeigt in gewisser Weise eine Begegnung mit dem Tod. Susanne Kennedys Figuren sind untot. Menschen, die körperlich noch da sind, aber psychisch nicht. Um das auszudrücken, ist der Film als Medium gut geeignet. Denn man sieht Personen, die in Wahrheit aus nichts als Licht bestehen. Diese gespensterhafte Qualität sucht Susanne Kennedy in all ihren Arbeiten.

Woraus ist die besondere Art der Rollenverteilung entstanden?
Die entscheidende Frage beim Film und auch beim Theaterstück ist das „Warum?“. Wenn etwas derart Grausames wie ein Amoklauf passiert, wirft das die Frage nach dem „Warum“ auf. Es wird also eine Antwort gesucht, beispielsweise: „Er war verrückt.“ Mit einer solchen Erklärung kann sich die Gesellschaft leichter von der Tat distanzieren. Wenn die Warum-Frage aber nicht beantwortet werden kann, baut sich keine Distanz auf. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit einer persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Frage. Das künstlerische Team hat sich daraufhin gefragt, wo die Abgründe eines jeden Menschen liegen, die Gewalt gegen sich selbst und gegen andere hervorrufen. Sie stellen uns vor ein Rätsel. Wir versuchen uns einen Menschen zu erklären, indem wir mithilfe seiner Mimik, seiner Gestik und seiner Stimme eine Geschichte konstruieren. Was passiert aber, wenn man genau diese Codes wegnimmt? Wenn die Schauspieler Masken tragen und die Zuschauer in den Gesichtern nicht mehr lesen können? Wenn die Charaktere keine eigene Stimme und keinen eigenen Körper haben? Was bleibt dann noch von ihm übrig? Hier setzt Susanne Kennedy an. Die Texte in WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? sind von Laien aufgenommen und laufen Playback, die Schauspieler mimen nur dazu. Die Charaktere werden von verschiedenen Schauspielern gespielt, sie haben also keinen eigenen Körper. An dieser Stelle gelangt der Zuschauer in ein sehr interessantes Zwischengebiet. Man wird selbst aktiv und versucht immer wieder Herr R. in seinem zersplittertem Auftreten zusammenzusetzen. Uns wird dadurch bewusst, dass die Situation auf der Bühne in gewisser Weise auch unseren Alltag widerspiegelt. Auch hier konstruieren wir unsere Mitmenschen in unserer persönlichen Wahrnehmung.

Wie würdest du WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? in Fassbinders Gesamtwerk einordnen?
WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? ist eigentlich ein ganz atypischer Fassbinder-Film. Er hat nur sehr selten mit Improvisation gearbeitet und sich auch immer wieder von diesem Film distanziert. Trotzdem sind viele Details in dem Film zu sehen, die man Fassbinder ganz klar zuordnen kann. Es sind zum Beispiel alles seine Schauspieler, die mitwirken. Kurt Raab hat hier seine erste große Rolle gespielt, später übernahm er die Hauptrolle in SATANSBRATEN. Seine Figuren haben demnach auch eine große Ähnlichkeit miteinander. Dass der Film trotz allem Fassbinders Stil aufweist, liegt an seiner Art und Weise, Menschen zu beobachten. Sie werden immer auf zwei verschiedenen Ebenen betrachtet. Er zeigt, was sie tun und was sie miteinander sprechen, aber da ist auch noch etwas anderes zu sehen. In dem Film WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? werden beispielsweise auch seltsame Farben und Belichtungen verwendet. Das ist ein Versuch gewesen, noch eine zusätzliche Ebene einzubauen. Man kann sagen, der Film ist ganz klar ein typischer Fassbinder-Film und zugleich auch wieder nicht. Das ist das Spannende daran.

Was fesselt dich persönlich an dem Stück WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?
Ich finde es sehr spannend, dass unsere Inszenierung, die wir über eine komplexe Form vermitteln, immer noch sehr berührend bleibt. Das macht hierbei die besondere Qualität aus, denn das Theater verliert sich manchmal in seinem Umgang mit technischen Möglichkeiten. In dieser Inszenierung wird ebenfalls viel Technik eingesetzt, aber es ist dennoch einfach gehalten. Man erreicht eine Tiefe, die weit über die Oberfläche des Theaterspielens und des Codes, den wir für die Inszenierung entwickelt haben, hinausgeht.

Das Interview führten Beatrix Rinke und Natalie Adel

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