„Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens“

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus zeigen wir in Zusammenarbeit mit dem DOK.fest München den Dokumentarfilm FIRST CLASS ASYLUM von Nina Wesemann (Freitag, 20. März, 20 Uhr, Werkraum). Philipp Großmann vom DOK.fest hat die Filmemacherin getroffen und mit ihr über die Entstehung ihres Projekts gesprochen:

Im Juni 2013 errichteten Flüchtlinge auf dem Rindermarkt Zelte und treten in einen Hunger- und schließlich Durststreik, um ihre Anerkennung als Asylberechtigte zu fordern. In den Zelten harren sie sieben Tage aus, bis das Camp mitten in der Nacht von der Polizei geräumt wird. Eine öffentliche Demonstration der Verzweiflung – filmisch ganz nah begleitet durch Niklas Hoffmann, Alexandra Wesolowski und Nina Wesemann.

DOK.film: Der Hungerstreik war eine spontane Aktion, die sich aus einer allgemeinen Demonstration für die Verbesserung der Situation Flüchtlinge ergab. Kannst du erklären, wie es zu dem Film kam?

Nina Wesemann: Alex und Niklas haben an der Demonstration teilgenommen und mich dann angerufen, als feststand, dass es zu einem Hungerstreik kommen würde. Die ersten vier Tage war uns gar nicht klar, dass wir einen Film drehen, aber es schien uns von Anfang an sehr wichtig, da zu sein und auch zu filmen. Wir nahmen eine Art Zwischenrolle ein, waren anfänglich mehr Supporter als Filmemacher. Ich denke, das hat dazu geführt, dass die Protestierenden uns schneller kennengelernt und sich an uns gewöhnt haben. Irgendwann haben wir dann aber nur noch gefilmt.

Wie wurdet ihr von den Streikenden wahrgenommen? Hat sich das Verhältnis geändert, als ihr dann nur noch gefilmt habt?

Allgemein waren sie eher zurückhaltend. Wenn wir gefragt wurden, was wir dort eigentlich machen, antworteten wir, dass wir von der Filmhochschule sind und uns der Hungerstreik und ihre Perspektive interessiert. Teilweise führte das aber auch zu komischen Situationen, da sie uns nicht wirklich einordnen konnten. Mit der Zeit haben sie sich jedoch nicht mehr gefragt wer wir sind, oder was wir machen und dadurch hatten wir im Vergleich zu den konventionellen Medien eine Art Bonus.

Ihr durftet ja auch im Zelt drehen.

Nur zu Anfang, dann wurde es strenger. Als die Aufmerksamkeit wuchs und sich immer mehr Leute am Platz aufhielten, wurde es den Flüchtlingen zu heikel. Es war schwierig für sie, den Umgang mit den Medien zu kontrollieren und auch uns wurde öfter gesagt, dass wir rausgehen sollen. Leider konnten wir zum Beispiel die Plenen nicht filmen, die die Protestierenden zweimal täglich abhielten.

Wie wurdet ihr von offizieller Seite wahrgenommen? Gab es während den Dreharbeiten Kontakt zu Behörden oder Polizei?

Nicht direkt. In Kontakt waren wir zum Beispiel mit dem Kreisjugendring und dem Flüchtlingsrat, aber eher um uns auszutauschen und weil sie wichtige Informationen für uns hatten. Es gab die ganze Woche über viele Spekulationen über den weiteren Verlauf und die verschiedenen Interessen. Die Polizei hat nicht wirklich auf uns reagiert, wir wurden einfach als Fernsehteam eingeordnet. In einer Szene sieht man eine Diskussion zwischen Ashkan Khorasani (der Wortführer des Camps, Anm. d. Red.), der Übersetzerin und einem Polizisten. Da merkt man, dass die Kamera dem Polizisten zu nahe ist. Weggeschickt wurden wir aber nie. Anders war es bei der Räumung. Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt waren nicht viele Medienvertreter da und die Anwesenden wurden weggedrängt – man würde den Einsatz stören. Das Filmen war dadurch kaum noch möglich.

Kürzlich kam es, die Räumung des Camps betreffend, zu einem neuen Urteil. Das Landgericht München stellte fest, dass die Anordnung einer Räumung nicht in die Zuständigkeit des Kreisverwaltungsreferats fiel. Bemängelt wurde auch, dass den Streikenden vor der Räumung nicht genug Zeit gegeben wurde, den Platz freiwillig zu verlassen. Wie stehst du zu diesem Urteil?

Ich halte das für ein sehr gutes Urteil. Ich kenne mich rechtlich nicht ganz genau aus, aber wer die Räumung miterlebt hat, weiß, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Mit Menschen, die total fertig sind, nach sieben Tagen Hunger- und Durststreik, muss man vorsichtiger umgehen. Auch die Durchsage, das Camp zu räumen, hätte früher kommen müssen – man wurde komplett überrascht. Plötzlich kamen Polizisten angelaufen. Somit ist es gut, dass es zu diesem Urteil kam, da es das Geschehene noch einmal in Erinnerung ruft.

Den Film gibt es ja nun schon ein Jahr und er wird immer wieder in verschiedenen Städten gezeigt. Haben die Entstehung des Films und das Feedback der Zuschauer deine Einstellung als Filmemacherin verändert?

Ich würde nicht sagen „verändert“. Aber wir haben auf jeden Fall viel gelernt. Es gibt jetzt diesen Film, der quasi ein Zeitdokument geworden ist, und damit haben wir eine große Verantwortung. Bei den Vorführungen merkt man, dass Leute, die selbst dabei waren, ihre Erinnerung an den Film adaptieren. Viele Zuschauer wirken auch wirklich erschöpft, nachdem sie den Film gesehen haben.

Besonders der Schnitt war eine schwierige Aufgabe, da wir eine Woche in eineinhalb Stunden zusammenfassen mussten und es uns besonders wichtig war, Vielschichtigkeit aufzuweisen und eben keine eindeutige Antwort zu liefern. Der Zuschauer soll sich selbst Fragen stellen und sich Gedanken machen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Hereinnahme von einzelnen Aussagen oder Aufnahmen genau abzuwägen, da selbst kleine Änderungen viel am Gesamtbild ändern können.

Wie schätzt du die Aktion im Nachhinein ein? Würdest du sagen, dass der Protest auch in der Politik nachhaltig Gehör fand?

Menschen, die sich mit der Thematik beschäftigen, sehen den Rindermarkt-Streik deutschlandweit als einschneidenden Protest, da er eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Viele Leute haben sich damit beschäftigt – auch Politiker. Aber gerade der Austausch innerhalb der Bevölkerung war für mich eine der positivsten Erscheinungen. Kurzzeitig gab es einen Ort, an dem die verschiedensten Meinungen aufeinandertrafen und es zu einem wirklichen Dialog kam.

Auch auf konkreterer Ebene hat sich etwas getan. Die Fälle der beteiligten Flüchtlinge wurden noch mal überprüft und viele haben eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Der genaue Zusammenhang mit dem Protest ist schwer einzuschätzen, aber ich denke schon, dass er für eine gewisse Beschleunigung gesorgt hat.

Aktuell ist ja auch oft von den Zuständen in den Flüchtlingslagern die Rede. Wie siehst du diese Problematik?

Ich denke es ist sehr wichtig, dass sich das Selbstbild der Flüchtlinge verändert. Dabei würde es natürlich sehr helfen, wenn sich ihre Ankunfts- und Lebensumstände verbessern würden. An schöneren, menschenwürdigeren Orten hätten sie ein anderes Selbstverständnis, was den Umgang mit dem neuen Land und der Bevölkerung sicher leichter machen würde. Man könnte besser aufeinander zugehen. Hier kann man schon mit kleinen Verbesserungen etwas bewirken. Nichtsdestotrotz ist es wichtig darüber hinaus die Themen Bildung, Arbeit und Residenzpflicht anzugehen. Das sind alles Kernpunkte, mit denen wir uns dringend auseinandersetzen müssen.

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