Der neue Mensch und die soziale Plastik

Armin Petras inszenierte Fritz Katers Stück BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA). Uraufführung war am 10. April in der Spielhalle. Unser Dramaturg Tobias Staab sprach mit dem Regisseur über das Stück und das Publikum als Organismus.

Tobias Staab: Fritz Katers Text BUCH ist strukturiert in fünf Teile, die formal wie inhaltlich sehr unterschiedlich erscheinen. Wo liegen die Verbindungslinien zwischen den Kapiteln?

Armin Petras: Der Untertitel von BUCH lautet 5 INGREDIENTES DE LA VIDA, also fünf Bestandteile oder Zutaten des Lebens, wobei man natürlich lange drüber nachdenken kann, warum es gerade diese Zutaten sind und nicht drei oder sieben andere. Dieses Buch ist also nur Teil eines Buches, das wir alle täglich schreiben oder das die Welt täglich schreibt. Wenn man länger daran arbeitet, erkennt man, dass es bestimmte Strukturen gibt, die sich wiederholen. Es gibt sehr oft das Thema „Mutter – Kind“, es gibt sehr oft das Thema der Vaterlosigkeit. Dazu kommt die Frage: „Wofür lohnt es sich, zu leben?“ Das sind jetzt drei Aspekte, die ich aus dem größeren Zusammenhang gerissen habe, denn es gibt sicherlich noch viele, viele andere. So wie es in einem Stoff oder in einem Teppich Fäden gibt, unsichtbare Fäden, die einem erst auf den zweiten Blick bewusst werden.

Auch der Begriff der Utopie zieht sich leitmotivisch durch das ganze Stück. Welche Perspektiven werden dabei durchlaufen?

AP: Die Utopie steht in dem Text für eine gemeinsame, verbindende Idee, die besagt, in welche Richtung sich unser Leben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bewegen sollte. Ich habe den Eindruck, dass dies die einzige Überschrift ist, die einem etwas unangenehm aufstößt. Es wäre vielleicht nicht nötig gewesen, diese Zutat des Lebens zu beschreiben. Vielleicht braucht man gerade diese Zutat nicht im Leben, weil es eine falsche Zutat ist.

Ist das Prinzip Hoffnung nicht ein zentrales Element des menschlichen Selbstverständnisses?

AP: Ich glaube eher an das, was die beiden Kinder im zweiten Teil durchexerzieren, nämlich Phantasie. Das heißt, ich brauche keinen Masterplan oder etwas, das ich mir vornehme. Was ich brauche, ist eine bestimmte Haltung in einem bestimmten Augenblick, eine Entscheidungsfähigkeit in einem Moment. Ist aber die Emotion ein ausreichender Ratgeber für eine Entscheidung? Ich würde sagen, nein, aber ohne geht es überhaupt nicht. Der Mathematiker sagt, es ist nicht hinreichend, aber notwendig.

Im dritten Kapitel, das den Titel „Liebe und Tod“ trägt, wird auf die Idee des „neuen Menschen“ verwiesen. Nimmt diese Utopie aus den Anfängen der DDR in diesem Kontext eine Sonderstellung ein?

AP: Die Figur Ernst, die von Ursula Werner gespielt wird, kommt im ersten, im zweiten und im dritten Teil vor. Im ersten und dritten Teil real, im zweiten Teil wird zumindest von ihm gesprochen, vom Vater, der im Krankenhaus liegt. Ernst sagt von sich selbst, dass er für ein besseres Leben, für eine andere Gesellschaft eingetreten ist. Das hat allerdings nicht funktioniert. Diese Gesellschaft hat ihre utopischen Entwürfe nicht erreicht und wird sehr deutlich als eine sterbende beschrieben. Utopien scheitern an ihrem Anspruch. Ich denke zum Beispiel an die Gulags von Stalin, einem der größten Mörder der Menschheitsgeschichte. Und das ist ja im Endeffekt die Utopie, auf die sich Ernst konkret bezieht.

Der Utopien-Teil wird als Filminstallation gezeigt, im Akt „Sorge“ steht eine Art Skulptur auch in einem eher installativen Kontext auf der Bühne. Woher kommt das Bedürfnis einer Annäherung an andere Kunstdisziplinen?

AP: Mich interessiert im Theater immer mehr der Weg in die anderen Künste. Im Sprechtheater können wir eigentlich alles, was in anderen Künsten passiert, schreddern, komprimieren, benutzen, sampeln. Wir haben über Utopien geredet, und hier besonders über die Idee des neuen Menschen. Ich finde diese Idee interessant und nicht unbedingt falsch, denn sie besagt, dass in dem Augenblick, in dem man eine neue Struktur findet, in der Menschen zusammenleben, sich auch der Mensch selbst verändert. Beuys sprach vom Kunstwerk als soziale Plastik. Und ich glaube schon, dass diese beiden Begriffe – der vom neuen Menschen und der vom erweiterten Kunstwerk –, dass die etwas miteinander zu tun haben. Im fünften Teil tritt die Figur eines bildenden Künstlers auf, der durch seine Kunst versucht, dem Leben etwas wiederzugeben, was wir verloren haben. Etwas, was unsere ökonomistische Gesellschaft zerstört, vereinfacht, rationalisiert. Durch Diskurs, durch Widerspruch, manchmal auch durch Härte, durch Verzweiflung.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen der sozialen Plastik und dem, was wir auf der Bühne sehen?

AP: Ich finde, ein Theaterabend ist eine soziale Plastik. Das sind Körper, die atmen, die bluten, da gibt es einen Organismus, da gibt es Wellen, vielleicht gibt es da sogar so etwas wie Seele, das kommt ganz auf den Abend an, da gibt es Tränen, Hass, Widerstand, manchmal auch Lachen und Applaus. Das ist eine soziale Plastik.

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