Gedanken teilen

Die niederländische Künstlerin Lotte van den Berg hat mit Tobias Staab über ihr Projekt BUILDING CONVERSATION gesprochen, das am 3.6. Premiere hat.

Tobias Staab: Das Stadtprojekt BUILDING CONVERSATION konzentriert sich auf unterschiedliche Arten, miteinander zu kommunizieren. Bevor die einzelnen Gespräche beginnen, kommen die Zuschauer an einem Treffpunkt zusammen, der eigens dafür am Marienhof gebaut wird. Welche Rolle spielt dieser Treffpunkt im Stadtzentrum für das Projekt?

Lotte van den Berg: Peter Sellars hat einmal gesagt, dass die größte Herausforderung für Kunst der Moment sei, in dem sich die Kunst mit der Gesellschaft und deren Fragen verbindet. Der Treffpunkt ist der Ort, an dem wir die Vorstellungen beginnen und beenden. Anders als die eigentlichen Gespräche, die eher in abgeschlossenen Räumen stattfinden, handelt es sich beim Treffpunkt um einen Ort, der nach außen hin offen ist. Wenn man ins Theater geht, ist auch das Foyer von großer Wichtigkeit. Hier treffen die Zuschauer erstmals zusammen und treffen sich wieder nach der Vorstellung. Aber wie ist der Raum des Foyers gestaltet? Wie ist das Licht dort? Wie treten die Menschen hier miteinander in den Dialog? Der Treffpunkt, den wir am Marienhof bauen, ist gewissermaßen unser Foyer. Wenn wir die Dauer der Vorstellungen von BUILDING CONVERSATION mit dreieinhalb Stunden angeben, bezieht sich das nicht allein auf die Gespräche. Diese Zeit umfasst auch das Ankommen am Treffpunkt, dort etwas zu trinken, zusammen zu dem Ort des Gesprächs zu gehen, und anschließend zum Marienhof zurückzukehren, um gemeinsam Abend zu essen.
TS: Was macht es für eine Theatermacherin interessant, über Gesprächsformen nachzudenken?

LvdB: Als Theatermacherin schaue ich auf ein Gespräch, als ob es sich um Theater handeln würde. Ich sehe Menschen, die zu Performern werden, Menschen die sich streiten oder sich ineinander verlieben. Darüber vergesse ich immer wieder, dass ich selbst auch Teil des Gesprächs bin, dass auch ich von anderen wahrgenommen und beobachtet werde, dass ich auch da bin.

TS: Stellt sich diese Art des Denkens auch beim Zuschauer ein?

LvdB: Ich glaube die Frage, inwieweit wir uns voneinander unterscheiden oder uns gleichen, steht für alle ein Stück weit im
Zentrum. Ein Gespräch ist immer ein Versuch zu überprüfen, ob wir in der Lage sind, Gedanken zu teilen…

TS: Dass bei einer Form wie dem „Gespräch ohne Worte“ solche Gedanken auftauchen, scheint nachvollziehbar. Wie ist es aber, wenn man konkret über ein bestimmtes Thema spricht, wie beim „(Un)möglichen Gespräch über Gott“?

LvdB: Das Schöne an dieser „Conversation“ ist die Erkenntnis, dass man nur aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus in der Lage ist, über Gott zu sprechen. Sobald wir von dieser abweichen, tendieren wir dazu, auf Gemeinplätze und Klischees auszuweichen und gerade bei Gesprächen über Gott besteht dann die Gefahr, dass man sich auf eine allgemeine Meinung festlegt.
Derart verfestigte Meinungen sorgen wiederum dafür, dass auch das Gespräch in seiner Beweglichkeit gehemmt wird.

TS: Ein Gespräch in Bewegung zu halten, bedeutet aber auch, es nicht zu kontrollieren.

LvdB: Als Regisseurin und als Mensch bin ich jemand, der eigentlich gerne Situationen kontrolliert. Bei diesem Projekt war es jedoch wichtig, Kontrolle abzugeben. Ich sehe meine Rolle hierbei darin, einen guten Rahmen herzustellen, in dem Situationen und Dinge passieren können, die nicht vorhersehbar sind. Ich muss also allen Teilnehmern die Bedingungen klar vermitteln, die vom künstlerischen Team festgelegt wurden. Aber ich muss auch klar machen, wo die Freiheiten für die Teilnehmer liegen und wo deren Verantwortung beginnt. Dabei handelt es sich um ein wirkliches Teilnehmen und eine wirkliche Verantwortlichkeit. Es gibt bei den Gesprächen ja keine Schiedsrichter, wie im Fußball. Die Guides erklären zwar die Regeln zu Beginn, werden dann jedoch zu Teilnehmern wie alle anderen auch. Es gibt eine klare Struktur und eine Abfolge die wir setzen – bis zu einem gewissen Punkt. Ab dann wissen wir nicht mehr, was passieren wird.

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