Der Stadtraum als Bühnenbild

Lotte van den Bergs Stadtraumprojekt BUILDING CONVERSATION geht in die zweite Runde. Wir haben mit der Regisseurin und dem Dramaturgen Tobias Staab gesprochen. Am 26., 27. und 28. Juni steht unser Pavillon wieder am Marienhof. Von diesem Treffpunkt strömen die Teilnehmer in unterschiedliche Richtungen aus, um eines der drei Gesprächsformate zu erleben.

Theaterlexikon: G wie Gegenrede

Gemeinsam rufen die Münchner Kammerspiele, das Residenztheater, das Münchner Volkstheater und Attac München zur GEGENREDE – ALTERNATIVEN HÖREN, einer ganztägigen Lesung gegen den G7-Gipfel in Elmau auf. Sie beginnt heute um 12 Uhr am Richard-Strauss-Brunnen in der Fußgängerzone. SchauspielerInnen der drei Ensembles lesen eigens geschriebene, neue Texte von LiteratInnen (u. a. Elfriede Jelinek, Ingo Schulze) und PublizistInnen (u. a. Jean Ziegler, Werner Rügemer). Diese Texte werden ergänzt durch Ergebnisse und Erkenntnisse vom „Internationalen Gipfel der Alternativen“, der am 3.  und 4. Juni in München stattfand. Wir haben uns mit dem verantwortlichen Dramaturgen Malte Jelden über das Projekt unterhalten.

Wie ist die Idee zur Veranstaltung entstanden?

Malte Jelden Es war von Anfang an klar, dass wir das machen, seit die Proteste gegen den G7-Gipfel in einem sogenannten Gipfel der Alternativen in München organisiert wurden. Hierbei geht es nicht darum, zu kritisieren, es sollen vielmehr andere Politikmodelle aufgezeigt werden als jene, die G7-Politik ausmachen. Attac München hat sich gefragt: Wie können wir die Ergebnisse dieses Alternativen Gipfels, die Ideen und Visionen, einem breiteren Publikum, einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren? So sind sie an die Theater herangetreten: erst an die Kammerspiele, dann ans Residenztheater und ans Volkstheater. Wir haben uns dann überlegt, eine Lesung in der Fußgängerzone zu organisieren, mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen, die nicht sowieso immer da sind.

Warum ist es in diesem Fall die Aufgabe des Theaters, rauszugehen und sich zum Beispiel in der Fußgängerzone zu präsentieren?

Wenn das Theater nach draußen geht, hat das immer positive Effekte. Der wichtigste ist, dass Leute erreicht werden, die nicht von sich aus ins Theater kommen. Vielen Menschen fehlt der Zugang, auch wenn sie das Theater nicht grundsätzlich ablehnen. Es ist auch eine Frage der Gewohnheit. Deshalb ist es so wichtig, dass man auch manchmal Sachen macht, in denen man sich einer anderen Publikumssituation aussetzt.

Ihr habt ein breites Programm konzipiert. Das Ganze geht von 12 bis 20 Uhr.

Genau. Die Texte wiederholen sich allerdings in vier Schleifen. Jede Schleife dauert etwa zwei Stunden. In jedem Block tritt eine neue Band auf, die zwischen den Texten spielt.

Diese Texte werden dann von verschiedenen Schauspielern aus den Ensembles der drei beteiligten Theater vorgelesen?

Kollegen von allen drei Theatern sind dabei, ja. Außerdem kommen noch SprecherInnen dazu, die für den Bayerischen Rundfunk und Radio Lora arbeiten, sodass wir insgesamt 24 Sprecher und Sprecherinnen haben.

War es schwierig, Sprecher und Sprecherinnen für die Gegenrede zu gewinnen?

Es war tatsächlich ganz einfach. Man hat wirklich das Gefühl, dass ein breites Bündnis von Menschen überzeugt ist, dass diese Machtpolitik der G7 nicht dazu führen wird, dass die Welt gerechter wird. Das hat man auch auf der Demo am Donnerstag gesehen. Das ist keine radikal linke Position mehr, sondern inzwischen eine bürgerliche Grundhaltung.

Gibt es persönliche Highlights für dich?

Wir haben auf dem Alternativen Gipfel tolle ReferentInnen gehört. Von sechs von ihnen haben wir jeweils einen Text kompiliert, der auch wie eine kleine Rede funktionieren wird. Da stecken sehr viele konkret umsetzbare Forderungen drin, wie diese Welt eine gerechtere werden könnte: Sie betreffen die Verteilung der Ressourcen, die Frage der Agrarpolitik, des Klimawandels, der Energiepolitik… Das finde ich sehr wichtig und es ist gut zu vermitteln. Die literarischen Texte, zum Beispiel von Elfriede Jelinek, sind auch sehr interessant, weil sie sich viel damit beschäftigen, wie man überhaupt Veränderungen herbeiführen kann. Was macht man mit seinem politischen Willen, mit seinem Engagement? Wir können uns auf viele gute Ansätze und Ideen freuen.

Danke für das Interview.

Gedanken teilen

Die niederländische Künstlerin Lotte van den Berg hat mit Tobias Staab über ihr Projekt BUILDING CONVERSATION gesprochen, das am 3.6. Premiere hat.

Tobias Staab: Das Stadtprojekt BUILDING CONVERSATION konzentriert sich auf unterschiedliche Arten, miteinander zu kommunizieren. Bevor die einzelnen Gespräche beginnen, kommen die Zuschauer an einem Treffpunkt zusammen, der eigens dafür am Marienhof gebaut wird. Welche Rolle spielt dieser Treffpunkt im Stadtzentrum für das Projekt?

Lotte van den Berg: Peter Sellars hat einmal gesagt, dass die größte Herausforderung für Kunst der Moment sei, in dem sich die Kunst mit der Gesellschaft und deren Fragen verbindet. Der Treffpunkt ist der Ort, an dem wir die Vorstellungen beginnen und beenden. Anders als die eigentlichen Gespräche, die eher in abgeschlossenen Räumen stattfinden, handelt es sich beim Treffpunkt um einen Ort, der nach außen hin offen ist. Wenn man ins Theater geht, ist auch das Foyer von großer Wichtigkeit. Hier treffen die Zuschauer erstmals zusammen und treffen sich wieder nach der Vorstellung. Aber wie ist der Raum des Foyers gestaltet? Wie ist das Licht dort? Wie treten die Menschen hier miteinander in den Dialog? Der Treffpunkt, den wir am Marienhof bauen, ist gewissermaßen unser Foyer. Wenn wir die Dauer der Vorstellungen von BUILDING CONVERSATION mit dreieinhalb Stunden angeben, bezieht sich das nicht allein auf die Gespräche. Diese Zeit umfasst auch das Ankommen am Treffpunkt, dort etwas zu trinken, zusammen zu dem Ort des Gesprächs zu gehen, und anschließend zum Marienhof zurückzukehren, um gemeinsam Abend zu essen.
TS: Was macht es für eine Theatermacherin interessant, über Gesprächsformen nachzudenken?

LvdB: Als Theatermacherin schaue ich auf ein Gespräch, als ob es sich um Theater handeln würde. Ich sehe Menschen, die zu Performern werden, Menschen die sich streiten oder sich ineinander verlieben. Darüber vergesse ich immer wieder, dass ich selbst auch Teil des Gesprächs bin, dass auch ich von anderen wahrgenommen und beobachtet werde, dass ich auch da bin.

TS: Stellt sich diese Art des Denkens auch beim Zuschauer ein?

LvdB: Ich glaube die Frage, inwieweit wir uns voneinander unterscheiden oder uns gleichen, steht für alle ein Stück weit im
Zentrum. Ein Gespräch ist immer ein Versuch zu überprüfen, ob wir in der Lage sind, Gedanken zu teilen…

TS: Dass bei einer Form wie dem „Gespräch ohne Worte“ solche Gedanken auftauchen, scheint nachvollziehbar. Wie ist es aber, wenn man konkret über ein bestimmtes Thema spricht, wie beim „(Un)möglichen Gespräch über Gott“?

LvdB: Das Schöne an dieser „Conversation“ ist die Erkenntnis, dass man nur aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus in der Lage ist, über Gott zu sprechen. Sobald wir von dieser abweichen, tendieren wir dazu, auf Gemeinplätze und Klischees auszuweichen und gerade bei Gesprächen über Gott besteht dann die Gefahr, dass man sich auf eine allgemeine Meinung festlegt.
Derart verfestigte Meinungen sorgen wiederum dafür, dass auch das Gespräch in seiner Beweglichkeit gehemmt wird.

TS: Ein Gespräch in Bewegung zu halten, bedeutet aber auch, es nicht zu kontrollieren.

LvdB: Als Regisseurin und als Mensch bin ich jemand, der eigentlich gerne Situationen kontrolliert. Bei diesem Projekt war es jedoch wichtig, Kontrolle abzugeben. Ich sehe meine Rolle hierbei darin, einen guten Rahmen herzustellen, in dem Situationen und Dinge passieren können, die nicht vorhersehbar sind. Ich muss also allen Teilnehmern die Bedingungen klar vermitteln, die vom künstlerischen Team festgelegt wurden. Aber ich muss auch klar machen, wo die Freiheiten für die Teilnehmer liegen und wo deren Verantwortung beginnt. Dabei handelt es sich um ein wirkliches Teilnehmen und eine wirkliche Verantwortlichkeit. Es gibt bei den Gesprächen ja keine Schiedsrichter, wie im Fußball. Die Guides erklären zwar die Regeln zu Beginn, werden dann jedoch zu Teilnehmern wie alle anderen auch. Es gibt eine klare Struktur und eine Abfolge die wir setzen – bis zu einem gewissen Punkt. Ab dann wissen wir nicht mehr, was passieren wird.

Lackmustest – Ein Beitrag von Wiebke Puls

In diesem Jahr war unser langjähriges Ensemblemitglied Wiebke Puls als Gastautorin für das TT-Blog tätig. Vom 7. bis zum 10. Mai besuchte sie auf Einladung des Theatertreffens das Festival, sah verschiedene Auswahl-Inszenierungen und war Teil des täglichen Redaktionsbetriebs, inklusive Redaktionssitzungen und Textbesprechungen. Wir freuen uns, ihren Gastbeitrag Lackmustest auch auf unserem Blog teilen zu können:

Die Zeit, in der wir leben und das Theater, das sie provoziert, fordert Künstler wie Zuschauer in hohem Maße. Welche Spielart ist unserer Zeit angemessen?

Seit ich vor ungefähr 20 Jahren mit dem Theater begonnen habe, dreht es sich um mich. Genauer gesagt, dreht es sich um meine Sicht auf die Welt. So egozentrisch ist das. Zugleich habe ich wenig Vertrauen in die Wichtigkeit meiner unspektakulären Biografie für den Zuschauer. Also nutze ich Figuren und Geschichten, um dem Zuschauer mein Anliegen zu vermitteln. Diese Figuren und Geschichten funktionieren wie ein Treffpunkt für mich und den Zuschauer. Jeder von uns hat eine gewisse Strecke dorthin zurückzulegen. Auf dieser Strecke, in der Überwindung dieses Abstands, in der Annäherung findet das eigentliche Spiel statt. Und im Spiel liegt mein kleiner Anteil an der Autorenschaft. So verstehe ich bis heute den Vorgang des Theaters.

Ich empfinde große Bewunderung für Schauspieler*innen, die sich und ihre Weltsicht direkt in den Produktionsprozess einfließen lassen. Zum Beispiel die Kollegen, die mit René Pollesch arbeiten. Sie stehen nicht als Privatperson auf der Bühne. Doch was sie sagen, ist angereichert und beglaubigt von ihrer Persönlichkeit. Sie sind Co-Autoren. Ich begeistere mich für Performance und ein Theater der Teilhabe.

Stutzig wurde ich vor circa 13 Jahren, als ich eine Vorstellung von Rimini Protokoll sah. Sie drehte sich um den Tod. Die Gruppe hatte mehrere „Experten des Alltags” eingeladen, von ihren Erfahrungen damit zu berichten. Die Vorstellung hat mich als Zuschauerin begeistert, weil sie mir Einblicke gewährt hat, die ich sonst nicht bekommen hätte. Gleichzeitig war ich als Schauspielerin irritiert: wenn ein Bestatter, inszenatorisch eingebettet, jedoch nicht spielend, so präzise Auskunft geben konnte über den Tod – war es dann nicht hochgradig anmaßend, spielerisch darüber zu spekulieren? Wenn ich echte Menschen im Theater sehe, fühle ich mich als Schauspielerin insgeheim gefährdet und minderwertig.

Wenn ich echte Menschen seh’…

Mir werden Rollen anvertraut, die geschrieben wurden, lange bevor ich ins Spiel kam. Das hat mich nie gestört. Ich genieße das Spiel sogar umso mehr, je weiter die Figuren von mir entfernt sind. Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen! Oft zeigen sich mir die Figuren auf fortgeschrittenem Weg näher, als ich zuerst angenommen habe. Im Laufe der Jahre entwickelte ich eine gewisse Kunstfertigkeit. Sie besteht darin, in jedem Moment als Person anwesend zu sein und spielerisch Haltung zum Gegenstand zu beziehen, die über meine Person hinausweist. Je länger ich Figuren spiele, desto größer wird die Lust daran. Desto schwächer wird zugleich mein Vertrauen in das erzählenswerte Eigene.

Menschen zuzusehen, die direkt von sich erzählen, finde ich in der Regel aufregender, auf jeden Fall überraschender, als Kollegen, die sich an der x-ten Inszenierung eines Klassikers reiben. Ich sehe ja und weiß nur zu gut, welches Feuer das entfachen kann und wie viel Spaß diese Arbeit macht. Immer wieder spannend ist auch der Vergleich verschiedener Les- und Spielarten desselben Stoffes. Trotzdem frage ich mich immer häufiger, warum wir den klassischen Kanon der Dramen, Literatur und Filme als Vorlagen bemühen. Ich muss nicht in meiner Reclam-Bibliothek kramen, um den Stoff zu finden, der heute Relevanz hat. Ich muss nur die Zeitung lesen, die Nachrichten sehen – ach, es reicht, die Augen zu öffnen. Dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Menschen, die Dinge erlebt haben, die außerhalb meiner Vorstellungskraft liegen. Ich sehe, dass wir Menschen, die ein Leben aufgeben, um leben zu können, nicht bei uns aufnehmen. Dass wir uns zur Diskussion zurückziehen, während sie vor unseren Augen sterben. Ich sehe Menschen, die in zweiter oder dritter Generation mit uns leben – und wir sind immer noch zu geizig oder zu träge, ihnen die gleichen Möglichkeiten zuzugestehen wie uns selbst. Diese Zeit braucht klare Worte und handelnde Menschen. Ist es auch im Theater sinnvoller, direkt und mit unseren Worten auf diese Zeit zu reagieren?

Verschiedene Welten

In Yael Ronens „Common Ground“ berichten Kollegen in meinem Alter und jünger von ihren Prägungen der letzten zwanzig Jahre. Es ist mitteleuropäische Geschichte, für mich wiedererkennbar – und doch vollkommen anders. Uns trennen 1000 km (die präferierte Distanz einer Urlaubsreise) und ein Krieg. Dies ist wohl die direkteste und zugleich unterhaltsamste Art, mich mit einer Wirklichkeit zu konfrontieren, die sich vor meinen Augen abgespielt hat und die ich doch nie wirklich gesehen habe.

In dieser Inszenierung übernimmt der Schauspieler Niels Bormann eine wichtige vermittelnde Funktion. Ich beneide ihn. Er hatte das Privileg, mit den Kollegen aus Ex-Jugoslawien auf diese Reise zu gehen. Eine ganz reale Reise, in der er, wie man so schön sagt, „Land und Leute” tatsächlich kennenlernen durfte. Durch diesen szenischen Reisebericht habe ich viele Dinge erfahren, die ich nicht zu fragen gewagt hätte, aus Scheu davor, allzu dumme Fragen zu stellen. Niels, mit demselben sicheren Wohlstandshintergrund wie die meisten im Parkett, ist da eine große Hilfe. Während seine Mitspieler von dem Verlust ihrer Eltern, Identitätskrisen, Vergewaltigungen, Kriegsausbruch und Flucht berichten, kann er nicht viel mehr tun, als interessiert, manchmal verständnislos und unsensibel nachzufragen. Schon in seinen Fragen wird oft eine unüberbrückbare Kluft deutlich. Aber immerhin, er fragt, für uns. Das ist doch schon ziemlich viel, wenn ich mich so umsehe.

Ich verlasse das Theater belehrt und berührt. Hach! Ich wäre auch gern so eine Fragende. Die Maischberger der deutschen Bühne! Mehr kann ich nicht sein wollen. Oder?

… Und dann rappelt’s in der Kiste. Nein! Ich habe das Theater doch studiert! Ich will nicht nur die Frau mit dem Mikro sein, die anderen Fragen stellt, der dumme August der Ausbeuterklasse.

Ich stammele Niels an: Niels, ich habe so gruselige pegidistische Züge in mir! Zwar bin ich begeistert von eurer Produktion. Gleichzeitig fühle ich mich latent bedroht. Wenn das mit dem Dokutheater so weitergeht – was kann ich denn noch dabei tun? Ich habe ja nichts zu erzählen. Mir ist es immer gut gegangen. Ich war nie bedroht und musste keine Entbehrungen leiden. Wenn ich die aufklärerische Funktion des Theaters relevant und nötig finde und einen Platz darin einnehmen möchte – dieses Theater braucht mich ja eigentlich gar nicht –, kann ich mich nur darum bewerben, denjenigen Fragen zu stellen, die etwas zu berichten haben, das uns in unserer Wahrnehmung noch fehlt… Moment… Das ist doch aber genau das, was ich im klassischen Rollenspiel auch tue! Ich bin Schauspielerin geworden, um mir spielend einen Weg zu bahnen zu Dingen, die meinen Erfahrungshorizont übersteigen. Aber klassisches Schauspiel, in dem ich sowohl Fragende als auch Trägerin möglicher Antworten bin, scheint hier regelrecht unpassend… War das nicht mal die Grundverabredung? Schauspieler erspielen sich alles? Lasst mich den N**** auch noch spielen! Warum werde ich plötzlich neben Menschen positioniert, die in einer ganz anderen Währung zahlen als ich? Warum gilt ihre Darstellung als authentisch und meine nicht? Wird mein Begriff vom Schauspiel (nämlich, dass es eine zwar spielerische, doch wahrhaftige Auseinandersetzungen sei) nun in die Ecke der

Behauptung, der Lüge gedrängt?

Ich spüre einen heimlichen, total verqueren Sozialneid auf diejenigen, die Wunden vorzuweisen haben. Das ist pervers. Ich sollte froh sein, dass meine Verletzungen sich in einem heilbaren Rahmen bewegen. Stattdessen habe ich Angst, dass die verwundete Biografie wertvoller ist als meine. Ich schäme mich, weil ich keine Wunden habe, die gesellschaftlich relevant sein könnten. Dieses Gefühl lähmt mich auf eine Weise, die vielleicht der wütenden Scham des Aleksandar Radencović entfernt verwandt ist, der sein sicheres Leben in Deutschland nicht genießen kann, weil er es stets vor dem dunklen Hintergrund seiner im Krieg sterbenden Familie strahlen sieht.

Echt?!

Insgeheim bin ich auch ärgerlich. Mir wurde nämlich in „Common Ground“ suggeriert, dass hier jeder seine Geschichte erzählt. Beim Zusehen denke ich mir, dass da sicherlich auch einiges frisiert wurde zu Gunsten der Dramaturgie. Ist ja immer noch Theater. Niels bestätigt das mit einem milden Lächeln. Später höre ich an anderer Stelle: Teilweise haben die Akteure ihre Geschichten getauscht. Aha. Klar. Auch Biografien können Material sein. Trotzdem fühle ich mich getäuscht: Im Programmheft ist davon nicht die Rede, dieser Vorgang wird nicht transparent gemacht! …Wird er aber doch in anderen Produktionen auch nicht! Die Findung geht niemanden etwas an. Entscheidend ist, was am Ende gezeigt wird!

Ich aber sitze im Publikum und habe eine klassische Beißhemmung, während die Kollegen Kehle zeigen. Ja, ich kann auf diese Vorstellung nicht anders reagieren als mit betroffenem Respekt. Keiner verlangt diese Reaktion von mir. Vielleicht markiert genau diese Betroffenheit den weiten Weg, den zumindest ich noch vor mir habe bis zur vorbehaltlosen Integration sowohl alternativer Theaterformen als auch der Kollegen mit mir fremdem Hintergrund? Doch noch fühle ich mich manipuliert und entzieht sich in meiner Wahrnehmung diese Produktionsweise der Kritik. Sie konzentriert sich so sehr auf den biografischen, geschichtlichen und politischen Inhalt, dass es sich kleinkrämerisch anfühlt, die Form zu debattieren. Zum Beispiel, dass auf der Bühne nicht miteinander geredet wird, sondern über die Dinge. Und das direkt ins Publikum: alles muss raus! Die Texte, das Bühnenbild, die Videocollagen, die bildlichen Arrangements der Gruppe – ein Baukastenprinzip, stets ostentativ berichtend, nicht mehr tastend.

Darum bin ich verwirrt, wenn eine der Schauspielerinnen ihre Geschichte (oder die ihrer Kollegin?) mit einer Rührseligkeit vorträgt, die – ja, ehrlich gesagt, nicht besonders gut gespielt ist – wie kann das sein, wenn mir doch suggeriert wird, das hier sei gar nicht gespielt, sondern echt? Dieses Sentiment würde mich übrigens bei der Gestaltung jeder x-beliebigen Rolle stören, aber bei weitem nicht so irritieren; hier kann ich es nicht zugestehen und finde es merkwürdig anstößig.

Ich spüre ärgerliche Unruhe, weil ich mit meiner Verwirrung nicht umgehen kann und darum pedantisch Klarheit fordere, was nicht eben für meine eigene Integrationsfähigkeit spricht.

Fragen

Reduziere ich die Kollegen aufgrund dieser einen Inszenierung auf ihre Geschichte? Warum werden in Stemanns Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ in Lumpen vermummte Refugees von in Lumpen vermummten Refugees dargestellt, während ausgezeichnete Schauspieler im Abendkleid damit hadern, „sie spielen zu müssen“? Warum spielt mein wunderbarer estnischer Kollege Risto Kübar, der mit der größten Präzision große Mengen Text in einer ihm vollkommen fremden Sprache lernt, immerfort den Fremden? Warum wird er nie in die Maske gebeten, während wir Kollegen unser Aussehen stundenlang manipulieren? Missbrauchen wir die Fremden unter uns als Readymades des Theaters? Ist das alles, wozu wir derzeit das Herz haben – die Fremden als Fremde auszustellen? Machen wir sie damit nicht zu Trophäen unseres guten Willens? Warum, wenn wir an einer wirksamen Integration interessiert sind, werden die Karten in überall bunten Ensembles nicht gründlich gemischt? Müssen wir im Theater erst Sozialarbeit leisten, bevor wir zusammen Theater machen können? Wem soll die helfen? Uns? Dem Publikum? Ist der Vorgang, gemeinsam Theater zu machen, nicht schon der Inbegriff des Sozialen? Muss das noch markiert werden? Kann es nicht einfach stattfinden?

Ist das alles eine Übergangsphase?

Kommt noch die Zeit, in der wir tatsächlich miteinander leben und sich die Abgrenzungen, die sich hier in der Produktionsweise niederschlagen, aufheben? Wann kann Shermin Langhoff ihre Migrations-Bastion öffnen, weil sie nicht mehr nötig ist? Wie können wir die Grenzen in unseren Köpfen einreißen? Können wir das erst, wenn wir die Grenzen Meter für Meter abgeschritten haben? An wie vielen internationalen Koproduktionen werde ich noch teilnehmen, bis die

Verständigungsschwierigkeiten zwischen verschiedenen Kulturen sich anfühlen wie alle anderen produktionsbezogenen Schwierigkeiten auch? Ist das das Ziel: Gleichmachung? Oder kultivieren und feiern wir im idealen Fall miteinander den Unterschied?

Gemeinsames Terrain

Samuel Finzi soll bei der Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Ringes gesagt haben, nachdem er einen Preis als „Schauspieler mit Migrationshintergrund“ bekommen habe, sei dies nun ein Preis für einen Schauspieler mit Hintergrund. Er würde sich sehr freuen, den nächsten mit Grund zu bekommen.

Marina Abramović hat sich nach Jahrzehnten der Performance dem ihr suspekten Theater zugewendet, um kreative Distanz zu ihrer eigenen Person zu gewinnen. Sie hat ihre serbokroatische Biografie verschiedenen Regisseuren anvertraut. Die ästhetischen Ergebnisse fallen sehr unterschiedlich aus; dokumentarisch bleiben sie nicht. Diese Künstlerin hat hochsublime Kunst geschaffen mit ihrem eigenen Material.

Zu gern wäre ich Teil eines kollektiven Prozesses, der diesen Weg geht von der persönlichen Standortbestimmung zu einer künstlerisch komplexen Form.

Wir leben in einer Zeit, die dringende und komplizierte Fragen stellt. Viele Positionen müssen benannt und abgetastet werden. Die facettenreichen Spiegel der Spielarten, die dafür gefunden werden, sind vor allem bereichernd. Dokumentarisches Theater, politischer Diskurs auf der Bühne, Verwandlung oder getreues Nachspielen klassischer Vorlagen, Performance und Aktion; virtuoses und exzessives Schauspiel, bis zur oberflächlichen Unkenntlichkeit in Form eingebundene Spieler*innen, die Nutzung der eigenen Biographie – all diese Formen existieren spannungsvoll nebeneinander, wie auch das diesjährige Theatertreffen zeigt.

Offensive Konfrontation im Theater kann ein gesellschaftlicher Lackmustest sein und hilft im idealen Fall, die eigene Haltung auf Ängste, Vorurteile und Ressentiments abzuklopfen. So verweist das Theater auf das Politische im Privaten.

Erforschen wir die Unterschiede – auf der Suche nach gemeinsamem Terrain.

Dieser Beitrag erschien am 12. Mai 2015 auf dem TT-Blog.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ging in die 3. Runde

URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADTMünchner Kammerspiele, 22.3.2015

Drei Städte, eine Debatte: Die globale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES bringt Experten aus aller Welt live zusammen – hier New York, München und Madrid / Foto: Judith Buss

Wem gehört die Stadt? Wer macht die Stadt? Was ist die gute Stadt? Diese Fragen stellt URBAN PLACES – PUBLIC SPACES – eine globale Debatte zum Leben in der Stadt. Am Sonntag ging die Veranstaltungsreihe des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele in die letzte Runde, bei der auch Johan Simons Gesprächspartner war.

„Ich bin gespannt darauf, was die Experten in den anderen Städten zu sagen haben über das Zusammenleben verschiedener Schichten. Ich habe den Eindruck, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht,“ sagt Johan Simons. Zusammen mit Andres Lepik, Architekturhistoriker und Leiter des Münchner Architekturmuseums, sowie Gesprächspartnern in Südafrika und den Niederlanden diskutiert der Intendant der Münchner Kammerspiele bei der letzten Veranstaltung von URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am Sonntag in den Münchner Kammerspielen über die Zukunft unserer Städte. Zu den Referenten zählen unter anderem Tobias Kokkelmans, Dramaturg des Theaterkollektivs Wunderbaum in Rotterdam und die Architektin und Schriftstellerin Lesley Lokko in Johannesburg.

Was ist eine gute Stadt?

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid gelten die Stadtviertel Johannesburgs im kollektiven Bewusstsein noch immer als weiß oder schwarz, als arm oder reich. Auch durch Rotterdam und München – in ihrem Selbstverständnis liberale Städte – laufen unsichtbare Grenzen. Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus sind bedrohliche Phänomene in vielen europäischen Städten.

Wunderbaum De komst van Xia (c) Krista van der Niet (2)

Zu Gast in Rotterdam: Tobias Kokkelmans vom Theaterkollektiv „Wunderbaum“– hier ein Bild aus dessen Produktion „The New Forest / De Komst van Xia“ / Foto: Krista van der Niet

Wer hat in Südafrika, den Niederlanden und Deutschland Zugang zu Kultur und öffentlichen Räumen? Wie gehen wir mit religiösen Differenzen und Segregation in unseren Städten um? Welche Rolle spielen Kunst und Kultur im Stadtraum? Die Diskutanten in Johannesburg, München und Rotterdam suchen im länderübergreifenden Austausch nach Antworten.

Lokales Handeln, globales Denken

In der Reihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES wurde deutlich: Städte reagieren in vielfältiger Weise auf kulturelle, demografische und wirtschaftliche Veränderungen. Sie sind Räume in stetigem Wandel. Bereits im Februar und März debattierten Aktivisten, Künstlerinnen und Stadtplaner in Live-Videokonferenzen über Partizipation und Gemeinwohl, über die Rolle privater und öffentlicher Akteure in der Stadt. Neben München waren jeweils zwei weitere Städte aus dem weltweiten Netzwerk des Goethe-Instituts zugeschaltet: So entstand ein interkulturelles Gespräch, vielstimmig und mehrsprachig, eine Debatte über lokale Handlungsspielräume und globale Denkräume

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: Sehen Sie, was passiert, bevor sich der Vorhang hebt und die Debatte beginnt. / Film: Goethe-Institut

Wem gehört die Stadt?

Im Februar ging es in Istanbul, São Paulo und München um die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Millionen von Flüchtlingen leben in Istanbul unter oftmals schwierigen Verhältnissen. In São Paulo stellen sich – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ähnliche Herausforderungen. Bei der Veranstaltung brachte es die Soziologin Vera Telles in einem Filmbeitrag auf den Punkt: „Das zentrale Problem ist, dass die Marktlogik die Stadt, aber auch die Institutionen, das Leben, Ideen, Projekte und Vorstellungen neu definiert.“ Mietpreise erleben eine Explosion und viele Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Auch in München werden finanziell schlechter gestellte Menschen aus dem Stadtzentrum gedrängt.

Wo entsteht heute Mitbestimmung an urbanen Entwicklungen? Welche Rolle spielen Mega-Projekte für die Entwicklung unserer Städte? Und wie gehen Istanbul, São Paulo und München mit dem Thema „Housing“ um – gerade auch im Hinblick auf Flüchtlinge? Antworten gaben unter anderem der türkische Filmemacher Imre Azem, die Stadtplanerin Raquel Rolnik aus Brasilien und der Münchner Journalist Alex Rühle.


„Wem gehört die Stadt?“: Hier sehen Sie die Aufzeichnung der Debatte in voller Länge


Wer macht die Stadt?

Vom „wahren öffentlichen Raum“ sprachen David Berkvens und Manual Pascal, beide Mitglieder des Architekturkollektivs Zuloark, als es bei der zweiten Veranstaltung im März um die Frage ging „Wer macht die Stadt?“. In einer Debatte mit New York City und München berichteten die beiden Aktivisten vom Projekt „Campo de Cebada“, einem Platz mitten in Madrid, der von den Anwohnern selbst gestaltet wird. Auch im Brooklyn Navy Yard in New York City wird versucht, das kreative Potenzial von Stadtbewohnern zu nutzen und neue Räume zu erschließen.

Welche Rolle spielen private Initiativen bei der Gestaltung von Städten? Wie kann verlorenes öffentliches Terrain zurückgewonnen werden? Und wie nachhaltig und wirksam sind künstlerische Interventionen zum Thema Stadt, wie das Tanzstück der Münchner Podiumsteilnehmerin Constanza Macras? Neben dem Architekturkollektiv Zuloark beteiligten sich an der Diskussion unter anderem der spanische Kulturproduzent Javier Duero, der New Yorker Architekt Mitchell Joachim sowie die Kuratorin Angelika Fitz.


„Wer macht die Stadt?“: Am 25. April wird die zweite Debatte in voller Länge auf ARD-alpha ausgestrahlt.


URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADT Münchner Kammerspiele, 22.3.2015

Über Live-Streaming, Twitter und den Hashtag #places15 können Interessierte weltweit der Debatte im digitalen Raum folgen und Fragen in die Diskussion einbringen / Foto: Judith Buss

Analog diskutiert, digital begleitet

Auch am Sonntag findet die Veranstaltung wieder zeitgleich in allen drei Städten statt und kann weltweit über Live-Streaming auf www.goethe.de/urbanplaces verfolgt werden. Alle Interessierten in München sind herzlich eingeladen, die Debatte in den Kammerspielen zu besuchen.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ist ein Projekt des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele. Medienpartner ist der Fernsehsender ARD-alpha. Sie finden das Projekt auch auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #places15

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am 26. April um 11:00 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele

Tickets gibt es hier.

Mehr Informationen auf der Projektwebseite zu „Urban Places – Public Spaces“ des Goethe-Instituts.

Ein Gastbeitrag des Goethe-Instituts

HIER SIND WIR!

„Man nennt uns Zigeuner“, erzählt uns einer der Mitwirkenden von IMPROMA: HIER SIND WIR! Sinti und Roma erfahren auch heute noch Ausgrenzung und Diskriminierung aus der Gesellschaft. Auch darum geht es bei dem Theaterprojekt IMPROMA: HIER SIND WIR! Ein Theaterabend mit Improvisationselementen, der rund um Ängste, Mut und geheime Wünsche kreist. 15 Kinder und Jugendliche aus Sinti- und Roma-Familien und Andreas Wolf vom fastfood theater arbeiten seit Sommer 2014 an diesem Projekt. Am 15. und 16. April bringen sie ihr Stück im Werkraum der Münchner Kammerspiele auf die Bühne. Wir haben uns mit vier der mitwirkenden Jugendlichen und dem Projektleiter Alexander Adler getroffen. Im Interview erfahrt ihr mehr über ihre Erfahrungen, das Projekt und den besonderen Zusammenhalt der Gruppe.


Interview: Beatrix Rinke, Video: Dirk Windloff

Der neue Mensch und die soziale Plastik

Armin Petras inszenierte Fritz Katers Stück BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA). Uraufführung war am 10. April in der Spielhalle. Unser Dramaturg Tobias Staab sprach mit dem Regisseur über das Stück und das Publikum als Organismus.

Tobias Staab: Fritz Katers Text BUCH ist strukturiert in fünf Teile, die formal wie inhaltlich sehr unterschiedlich erscheinen. Wo liegen die Verbindungslinien zwischen den Kapiteln?

Armin Petras: Der Untertitel von BUCH lautet 5 INGREDIENTES DE LA VIDA, also fünf Bestandteile oder Zutaten des Lebens, wobei man natürlich lange drüber nachdenken kann, warum es gerade diese Zutaten sind und nicht drei oder sieben andere. Dieses Buch ist also nur Teil eines Buches, das wir alle täglich schreiben oder das die Welt täglich schreibt. Wenn man länger daran arbeitet, erkennt man, dass es bestimmte Strukturen gibt, die sich wiederholen. Es gibt sehr oft das Thema „Mutter – Kind“, es gibt sehr oft das Thema der Vaterlosigkeit. Dazu kommt die Frage: „Wofür lohnt es sich, zu leben?“ Das sind jetzt drei Aspekte, die ich aus dem größeren Zusammenhang gerissen habe, denn es gibt sicherlich noch viele, viele andere. So wie es in einem Stoff oder in einem Teppich Fäden gibt, unsichtbare Fäden, die einem erst auf den zweiten Blick bewusst werden.

Auch der Begriff der Utopie zieht sich leitmotivisch durch das ganze Stück. Welche Perspektiven werden dabei durchlaufen?

AP: Die Utopie steht in dem Text für eine gemeinsame, verbindende Idee, die besagt, in welche Richtung sich unser Leben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bewegen sollte. Ich habe den Eindruck, dass dies die einzige Überschrift ist, die einem etwas unangenehm aufstößt. Es wäre vielleicht nicht nötig gewesen, diese Zutat des Lebens zu beschreiben. Vielleicht braucht man gerade diese Zutat nicht im Leben, weil es eine falsche Zutat ist.

Ist das Prinzip Hoffnung nicht ein zentrales Element des menschlichen Selbstverständnisses?

AP: Ich glaube eher an das, was die beiden Kinder im zweiten Teil durchexerzieren, nämlich Phantasie. Das heißt, ich brauche keinen Masterplan oder etwas, das ich mir vornehme. Was ich brauche, ist eine bestimmte Haltung in einem bestimmten Augenblick, eine Entscheidungsfähigkeit in einem Moment. Ist aber die Emotion ein ausreichender Ratgeber für eine Entscheidung? Ich würde sagen, nein, aber ohne geht es überhaupt nicht. Der Mathematiker sagt, es ist nicht hinreichend, aber notwendig.

Im dritten Kapitel, das den Titel „Liebe und Tod“ trägt, wird auf die Idee des „neuen Menschen“ verwiesen. Nimmt diese Utopie aus den Anfängen der DDR in diesem Kontext eine Sonderstellung ein?

AP: Die Figur Ernst, die von Ursula Werner gespielt wird, kommt im ersten, im zweiten und im dritten Teil vor. Im ersten und dritten Teil real, im zweiten Teil wird zumindest von ihm gesprochen, vom Vater, der im Krankenhaus liegt. Ernst sagt von sich selbst, dass er für ein besseres Leben, für eine andere Gesellschaft eingetreten ist. Das hat allerdings nicht funktioniert. Diese Gesellschaft hat ihre utopischen Entwürfe nicht erreicht und wird sehr deutlich als eine sterbende beschrieben. Utopien scheitern an ihrem Anspruch. Ich denke zum Beispiel an die Gulags von Stalin, einem der größten Mörder der Menschheitsgeschichte. Und das ist ja im Endeffekt die Utopie, auf die sich Ernst konkret bezieht.

Der Utopien-Teil wird als Filminstallation gezeigt, im Akt „Sorge“ steht eine Art Skulptur auch in einem eher installativen Kontext auf der Bühne. Woher kommt das Bedürfnis einer Annäherung an andere Kunstdisziplinen?

AP: Mich interessiert im Theater immer mehr der Weg in die anderen Künste. Im Sprechtheater können wir eigentlich alles, was in anderen Künsten passiert, schreddern, komprimieren, benutzen, sampeln. Wir haben über Utopien geredet, und hier besonders über die Idee des neuen Menschen. Ich finde diese Idee interessant und nicht unbedingt falsch, denn sie besagt, dass in dem Augenblick, in dem man eine neue Struktur findet, in der Menschen zusammenleben, sich auch der Mensch selbst verändert. Beuys sprach vom Kunstwerk als soziale Plastik. Und ich glaube schon, dass diese beiden Begriffe – der vom neuen Menschen und der vom erweiterten Kunstwerk –, dass die etwas miteinander zu tun haben. Im fünften Teil tritt die Figur eines bildenden Künstlers auf, der durch seine Kunst versucht, dem Leben etwas wiederzugeben, was wir verloren haben. Etwas, was unsere ökonomistische Gesellschaft zerstört, vereinfacht, rationalisiert. Durch Diskurs, durch Widerspruch, manchmal auch durch Härte, durch Verzweiflung.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen der sozialen Plastik und dem, was wir auf der Bühne sehen?

AP: Ich finde, ein Theaterabend ist eine soziale Plastik. Das sind Körper, die atmen, die bluten, da gibt es einen Organismus, da gibt es Wellen, vielleicht gibt es da sogar so etwas wie Seele, das kommt ganz auf den Abend an, da gibt es Tränen, Hass, Widerstand, manchmal auch Lachen und Applaus. Das ist eine soziale Plastik.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES: Wer macht die Stadt?

Mit ihrem, übrigens gerade für den Grimme Online Award vorgeschlagenen, Blog Let’s Talk About Arts begleiten Sarah und Susanna sehr engagiert unsere globale Debatte URBAN PLACES  PUBLIC SPACES. In ihrem aktuellen Beitrag kündigen sie die zweite Diskussion an:

Am Sonntag, 22. März 2015, findet die zweite Debatte der Veranstaltungsreihe Urban Places – Public Spaces statt, die gemeinsam von den Münchner Kammerspielen und dem Goethe Institut veranstaltet wird und sich mit dem Leben in der Stadt beschäftigt.

Wir haben bereits die erste Veranstaltung, in der Teilnehmer aus München, Istanbul und Sao Paulo die Gegenwart und Zukunft unserer Städte diskutierten, begleitet und unter anderem zu einer virtuellen Collage zur Frage Wem gehört die Stadt? aufgerufen. Die vielfältigen Bilder, die mit dem Hashtag #gehörtdiestadt auf Twitter und Instagram veröffentlicht wurden, ergeben ein Bild davon, wem die Stadt in der heutigen Zeit gehören kann. Die Debatte am 22. Februar hat zudem gezeigt, dass es gar nicht nur unbedingt darum geht, wem die Stadt gehört. Viel entscheidender für die  urbane Zukunft ist, wer die Stadt zurückerobern möchte und was dafür getan werden muss.

Die Frage der Diskussion am kommenden Sonntag lautet: Wer macht die Stadt? Und auch dieses Mal wollen wir uns der Frage, zu der am 22. März Teilnehmer aus München, Madrid und New York City diskutieren werden, fotografisch und filmisch nähern und rufen euch zur virtuellen Collage auf! Sind es Städteplaner, Bauherren, Politiker oder doch einzelne Interessensgruppen, die die Stadt machen? Sind die, die die Stadt zu dem machen, was sie ist, auch die, die sie aktiv mitgestalten?

Teilt eure Eindrücke in Form von Videos und Bildern mit dem Hashtag #machtdiestadt!

Wem gehört die Stadt?

Die internationale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES verhandelt Stadt, Kunst und urbane Aktionen. Sie startete am Sonntag, 22.2.15 bei uns im Schauspielhaus. Zusammen mit dem Goethe-Institut stellen wir die Frage „Wem gehört die Stadt?“ und wollen sie mit euch gemeinsam diskutieren. Dabei beschränken wir uns nicht auf München, sondern stellen eine globale Vernetzung her. Per Live-Videokonferenz sprechen wir mit São Paulo und Istanbul über Themen wie Wohnungsnot, die Lebenssituation von Flüchtlingen und Entwicklungsmöglichkeiten der Städte.

Die zweite Debatte wird am 22. März sich der Frage „Wer macht die Stadt?“ widmen. Fühlt euch herzlich eingeladen, unter dem Hashtag #places15 mitzudiskutieren und eure Gedanken zu dieser Thematik mit uns und den internationalen Teilnehmern zu teilen. Zur „Vorbereitung“ teilen wir einen Blogbeitrag von Let´s talk about arts.

http://www.letstalkaboutarts.com/urban-places-public-spaces-wem-gehoert-die-stadt/

Das Goethe-Institut hat sich mit Alex Rühle zu einem Interview getroffen. Der Journalist und Goldgrund-Aktivist wird am Sonntag live auf dem Podium stehen und über seine Bemühungen auf die Missstände der Wohnunspolitik hinzuweisen, berichten.

https://www.goethe.de/de/uun/akt/20476283.html

Drei Fragen an… Susanne Kennedy

Das zentrale Thema von HIDEOUS (WO)MEN sind laut Susanne Kennedy die „Säfte des Lebens (Körperflüssigkeiten)“. Wir wollten noch ein wenig mehr wissen und haben der Regisseurin drei Fragen gestellt:

MK: Wo führt dich dein Drang, Grenzen zu überschreiten, noch hin?
Susanne Kennedy: Tja, das weiss ich wirklich nicht, aber irgendwie will ich wohl Dinge sehen, die ich selber vorher noch nicht in dieser Form gesehen habe. Das jedes Mal zu erreichen ist natürlich unmöglich, aber ich versuche es trotzdem. Manchmal dauert es aber Jahre, bevor ich ein Bild oder eine Atmosphäre, die ich so im Kopf hatte, umsetzen kann.Wahrscheinlich will ich über die Grenzen des Mediums Theater hinaus. Ich bereite gerade ein Projekt für das Maxim Gorki Theater vor, und das letzte Mal, als ich meine Notizen durchgelesen habe, habe ich gemerkt, dass ich ja nur über Film geschrieben habe. Jemand, der das durchlesen würde, würde denken, dass ich einen Film drehen möchte.

Wie gehst du mit flüchtendem Publikum während der Vorstellung um?

Das ist für mich kein Problem. Ich würde selber auch oft gern flüchten, traue mich aber nie.

Welchen Vorwurf/welches Kompliment möchtest du dir über deine Arbeit nicht mehr anhören?

Ich finde es immer sehr seltsam, wenn man denkt, dass ich nur Roboter oder Puppen auf der Bühne zeigen würde. Für mich sind diese Menschen da oben unglaublich realistisch.

Am 13. und 14. Februar zeigen wir die Produktion der Toneelgroep Oostpool im Werkraum. Die Ästhetik und Spielweise mit Latexmasken und Playback-Dialogen entwickelte Susanne Kennedy für WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? weiter. Für alle Susanne Kennedy-Fans haben wir ein Interview von Çigdem Teke mit ihr herausgekramt. Das Ergebnis seht ihr hier: