Lackmustest – Ein Beitrag von Wiebke Puls

In diesem Jahr war unser langjähriges Ensemblemitglied Wiebke Puls als Gastautorin für das TT-Blog tätig. Vom 7. bis zum 10. Mai besuchte sie auf Einladung des Theatertreffens das Festival, sah verschiedene Auswahl-Inszenierungen und war Teil des täglichen Redaktionsbetriebs, inklusive Redaktionssitzungen und Textbesprechungen. Wir freuen uns, ihren Gastbeitrag Lackmustest auch auf unserem Blog teilen zu können:

Die Zeit, in der wir leben und das Theater, das sie provoziert, fordert Künstler wie Zuschauer in hohem Maße. Welche Spielart ist unserer Zeit angemessen?

Seit ich vor ungefähr 20 Jahren mit dem Theater begonnen habe, dreht es sich um mich. Genauer gesagt, dreht es sich um meine Sicht auf die Welt. So egozentrisch ist das. Zugleich habe ich wenig Vertrauen in die Wichtigkeit meiner unspektakulären Biografie für den Zuschauer. Also nutze ich Figuren und Geschichten, um dem Zuschauer mein Anliegen zu vermitteln. Diese Figuren und Geschichten funktionieren wie ein Treffpunkt für mich und den Zuschauer. Jeder von uns hat eine gewisse Strecke dorthin zurückzulegen. Auf dieser Strecke, in der Überwindung dieses Abstands, in der Annäherung findet das eigentliche Spiel statt. Und im Spiel liegt mein kleiner Anteil an der Autorenschaft. So verstehe ich bis heute den Vorgang des Theaters.

Ich empfinde große Bewunderung für Schauspieler*innen, die sich und ihre Weltsicht direkt in den Produktionsprozess einfließen lassen. Zum Beispiel die Kollegen, die mit René Pollesch arbeiten. Sie stehen nicht als Privatperson auf der Bühne. Doch was sie sagen, ist angereichert und beglaubigt von ihrer Persönlichkeit. Sie sind Co-Autoren. Ich begeistere mich für Performance und ein Theater der Teilhabe.

Stutzig wurde ich vor circa 13 Jahren, als ich eine Vorstellung von Rimini Protokoll sah. Sie drehte sich um den Tod. Die Gruppe hatte mehrere „Experten des Alltags” eingeladen, von ihren Erfahrungen damit zu berichten. Die Vorstellung hat mich als Zuschauerin begeistert, weil sie mir Einblicke gewährt hat, die ich sonst nicht bekommen hätte. Gleichzeitig war ich als Schauspielerin irritiert: wenn ein Bestatter, inszenatorisch eingebettet, jedoch nicht spielend, so präzise Auskunft geben konnte über den Tod – war es dann nicht hochgradig anmaßend, spielerisch darüber zu spekulieren? Wenn ich echte Menschen im Theater sehe, fühle ich mich als Schauspielerin insgeheim gefährdet und minderwertig.

Wenn ich echte Menschen seh’…

Mir werden Rollen anvertraut, die geschrieben wurden, lange bevor ich ins Spiel kam. Das hat mich nie gestört. Ich genieße das Spiel sogar umso mehr, je weiter die Figuren von mir entfernt sind. Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen! Oft zeigen sich mir die Figuren auf fortgeschrittenem Weg näher, als ich zuerst angenommen habe. Im Laufe der Jahre entwickelte ich eine gewisse Kunstfertigkeit. Sie besteht darin, in jedem Moment als Person anwesend zu sein und spielerisch Haltung zum Gegenstand zu beziehen, die über meine Person hinausweist. Je länger ich Figuren spiele, desto größer wird die Lust daran. Desto schwächer wird zugleich mein Vertrauen in das erzählenswerte Eigene.

Menschen zuzusehen, die direkt von sich erzählen, finde ich in der Regel aufregender, auf jeden Fall überraschender, als Kollegen, die sich an der x-ten Inszenierung eines Klassikers reiben. Ich sehe ja und weiß nur zu gut, welches Feuer das entfachen kann und wie viel Spaß diese Arbeit macht. Immer wieder spannend ist auch der Vergleich verschiedener Les- und Spielarten desselben Stoffes. Trotzdem frage ich mich immer häufiger, warum wir den klassischen Kanon der Dramen, Literatur und Filme als Vorlagen bemühen. Ich muss nicht in meiner Reclam-Bibliothek kramen, um den Stoff zu finden, der heute Relevanz hat. Ich muss nur die Zeitung lesen, die Nachrichten sehen – ach, es reicht, die Augen zu öffnen. Dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Menschen, die Dinge erlebt haben, die außerhalb meiner Vorstellungskraft liegen. Ich sehe, dass wir Menschen, die ein Leben aufgeben, um leben zu können, nicht bei uns aufnehmen. Dass wir uns zur Diskussion zurückziehen, während sie vor unseren Augen sterben. Ich sehe Menschen, die in zweiter oder dritter Generation mit uns leben – und wir sind immer noch zu geizig oder zu träge, ihnen die gleichen Möglichkeiten zuzugestehen wie uns selbst. Diese Zeit braucht klare Worte und handelnde Menschen. Ist es auch im Theater sinnvoller, direkt und mit unseren Worten auf diese Zeit zu reagieren?

Verschiedene Welten

In Yael Ronens „Common Ground“ berichten Kollegen in meinem Alter und jünger von ihren Prägungen der letzten zwanzig Jahre. Es ist mitteleuropäische Geschichte, für mich wiedererkennbar – und doch vollkommen anders. Uns trennen 1000 km (die präferierte Distanz einer Urlaubsreise) und ein Krieg. Dies ist wohl die direkteste und zugleich unterhaltsamste Art, mich mit einer Wirklichkeit zu konfrontieren, die sich vor meinen Augen abgespielt hat und die ich doch nie wirklich gesehen habe.

In dieser Inszenierung übernimmt der Schauspieler Niels Bormann eine wichtige vermittelnde Funktion. Ich beneide ihn. Er hatte das Privileg, mit den Kollegen aus Ex-Jugoslawien auf diese Reise zu gehen. Eine ganz reale Reise, in der er, wie man so schön sagt, „Land und Leute” tatsächlich kennenlernen durfte. Durch diesen szenischen Reisebericht habe ich viele Dinge erfahren, die ich nicht zu fragen gewagt hätte, aus Scheu davor, allzu dumme Fragen zu stellen. Niels, mit demselben sicheren Wohlstandshintergrund wie die meisten im Parkett, ist da eine große Hilfe. Während seine Mitspieler von dem Verlust ihrer Eltern, Identitätskrisen, Vergewaltigungen, Kriegsausbruch und Flucht berichten, kann er nicht viel mehr tun, als interessiert, manchmal verständnislos und unsensibel nachzufragen. Schon in seinen Fragen wird oft eine unüberbrückbare Kluft deutlich. Aber immerhin, er fragt, für uns. Das ist doch schon ziemlich viel, wenn ich mich so umsehe.

Ich verlasse das Theater belehrt und berührt. Hach! Ich wäre auch gern so eine Fragende. Die Maischberger der deutschen Bühne! Mehr kann ich nicht sein wollen. Oder?

… Und dann rappelt’s in der Kiste. Nein! Ich habe das Theater doch studiert! Ich will nicht nur die Frau mit dem Mikro sein, die anderen Fragen stellt, der dumme August der Ausbeuterklasse.

Ich stammele Niels an: Niels, ich habe so gruselige pegidistische Züge in mir! Zwar bin ich begeistert von eurer Produktion. Gleichzeitig fühle ich mich latent bedroht. Wenn das mit dem Dokutheater so weitergeht – was kann ich denn noch dabei tun? Ich habe ja nichts zu erzählen. Mir ist es immer gut gegangen. Ich war nie bedroht und musste keine Entbehrungen leiden. Wenn ich die aufklärerische Funktion des Theaters relevant und nötig finde und einen Platz darin einnehmen möchte – dieses Theater braucht mich ja eigentlich gar nicht –, kann ich mich nur darum bewerben, denjenigen Fragen zu stellen, die etwas zu berichten haben, das uns in unserer Wahrnehmung noch fehlt… Moment… Das ist doch aber genau das, was ich im klassischen Rollenspiel auch tue! Ich bin Schauspielerin geworden, um mir spielend einen Weg zu bahnen zu Dingen, die meinen Erfahrungshorizont übersteigen. Aber klassisches Schauspiel, in dem ich sowohl Fragende als auch Trägerin möglicher Antworten bin, scheint hier regelrecht unpassend… War das nicht mal die Grundverabredung? Schauspieler erspielen sich alles? Lasst mich den N**** auch noch spielen! Warum werde ich plötzlich neben Menschen positioniert, die in einer ganz anderen Währung zahlen als ich? Warum gilt ihre Darstellung als authentisch und meine nicht? Wird mein Begriff vom Schauspiel (nämlich, dass es eine zwar spielerische, doch wahrhaftige Auseinandersetzungen sei) nun in die Ecke der

Behauptung, der Lüge gedrängt?

Ich spüre einen heimlichen, total verqueren Sozialneid auf diejenigen, die Wunden vorzuweisen haben. Das ist pervers. Ich sollte froh sein, dass meine Verletzungen sich in einem heilbaren Rahmen bewegen. Stattdessen habe ich Angst, dass die verwundete Biografie wertvoller ist als meine. Ich schäme mich, weil ich keine Wunden habe, die gesellschaftlich relevant sein könnten. Dieses Gefühl lähmt mich auf eine Weise, die vielleicht der wütenden Scham des Aleksandar Radencović entfernt verwandt ist, der sein sicheres Leben in Deutschland nicht genießen kann, weil er es stets vor dem dunklen Hintergrund seiner im Krieg sterbenden Familie strahlen sieht.

Echt?!

Insgeheim bin ich auch ärgerlich. Mir wurde nämlich in „Common Ground“ suggeriert, dass hier jeder seine Geschichte erzählt. Beim Zusehen denke ich mir, dass da sicherlich auch einiges frisiert wurde zu Gunsten der Dramaturgie. Ist ja immer noch Theater. Niels bestätigt das mit einem milden Lächeln. Später höre ich an anderer Stelle: Teilweise haben die Akteure ihre Geschichten getauscht. Aha. Klar. Auch Biografien können Material sein. Trotzdem fühle ich mich getäuscht: Im Programmheft ist davon nicht die Rede, dieser Vorgang wird nicht transparent gemacht! …Wird er aber doch in anderen Produktionen auch nicht! Die Findung geht niemanden etwas an. Entscheidend ist, was am Ende gezeigt wird!

Ich aber sitze im Publikum und habe eine klassische Beißhemmung, während die Kollegen Kehle zeigen. Ja, ich kann auf diese Vorstellung nicht anders reagieren als mit betroffenem Respekt. Keiner verlangt diese Reaktion von mir. Vielleicht markiert genau diese Betroffenheit den weiten Weg, den zumindest ich noch vor mir habe bis zur vorbehaltlosen Integration sowohl alternativer Theaterformen als auch der Kollegen mit mir fremdem Hintergrund? Doch noch fühle ich mich manipuliert und entzieht sich in meiner Wahrnehmung diese Produktionsweise der Kritik. Sie konzentriert sich so sehr auf den biografischen, geschichtlichen und politischen Inhalt, dass es sich kleinkrämerisch anfühlt, die Form zu debattieren. Zum Beispiel, dass auf der Bühne nicht miteinander geredet wird, sondern über die Dinge. Und das direkt ins Publikum: alles muss raus! Die Texte, das Bühnenbild, die Videocollagen, die bildlichen Arrangements der Gruppe – ein Baukastenprinzip, stets ostentativ berichtend, nicht mehr tastend.

Darum bin ich verwirrt, wenn eine der Schauspielerinnen ihre Geschichte (oder die ihrer Kollegin?) mit einer Rührseligkeit vorträgt, die – ja, ehrlich gesagt, nicht besonders gut gespielt ist – wie kann das sein, wenn mir doch suggeriert wird, das hier sei gar nicht gespielt, sondern echt? Dieses Sentiment würde mich übrigens bei der Gestaltung jeder x-beliebigen Rolle stören, aber bei weitem nicht so irritieren; hier kann ich es nicht zugestehen und finde es merkwürdig anstößig.

Ich spüre ärgerliche Unruhe, weil ich mit meiner Verwirrung nicht umgehen kann und darum pedantisch Klarheit fordere, was nicht eben für meine eigene Integrationsfähigkeit spricht.

Fragen

Reduziere ich die Kollegen aufgrund dieser einen Inszenierung auf ihre Geschichte? Warum werden in Stemanns Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ in Lumpen vermummte Refugees von in Lumpen vermummten Refugees dargestellt, während ausgezeichnete Schauspieler im Abendkleid damit hadern, „sie spielen zu müssen“? Warum spielt mein wunderbarer estnischer Kollege Risto Kübar, der mit der größten Präzision große Mengen Text in einer ihm vollkommen fremden Sprache lernt, immerfort den Fremden? Warum wird er nie in die Maske gebeten, während wir Kollegen unser Aussehen stundenlang manipulieren? Missbrauchen wir die Fremden unter uns als Readymades des Theaters? Ist das alles, wozu wir derzeit das Herz haben – die Fremden als Fremde auszustellen? Machen wir sie damit nicht zu Trophäen unseres guten Willens? Warum, wenn wir an einer wirksamen Integration interessiert sind, werden die Karten in überall bunten Ensembles nicht gründlich gemischt? Müssen wir im Theater erst Sozialarbeit leisten, bevor wir zusammen Theater machen können? Wem soll die helfen? Uns? Dem Publikum? Ist der Vorgang, gemeinsam Theater zu machen, nicht schon der Inbegriff des Sozialen? Muss das noch markiert werden? Kann es nicht einfach stattfinden?

Ist das alles eine Übergangsphase?

Kommt noch die Zeit, in der wir tatsächlich miteinander leben und sich die Abgrenzungen, die sich hier in der Produktionsweise niederschlagen, aufheben? Wann kann Shermin Langhoff ihre Migrations-Bastion öffnen, weil sie nicht mehr nötig ist? Wie können wir die Grenzen in unseren Köpfen einreißen? Können wir das erst, wenn wir die Grenzen Meter für Meter abgeschritten haben? An wie vielen internationalen Koproduktionen werde ich noch teilnehmen, bis die

Verständigungsschwierigkeiten zwischen verschiedenen Kulturen sich anfühlen wie alle anderen produktionsbezogenen Schwierigkeiten auch? Ist das das Ziel: Gleichmachung? Oder kultivieren und feiern wir im idealen Fall miteinander den Unterschied?

Gemeinsames Terrain

Samuel Finzi soll bei der Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Ringes gesagt haben, nachdem er einen Preis als „Schauspieler mit Migrationshintergrund“ bekommen habe, sei dies nun ein Preis für einen Schauspieler mit Hintergrund. Er würde sich sehr freuen, den nächsten mit Grund zu bekommen.

Marina Abramović hat sich nach Jahrzehnten der Performance dem ihr suspekten Theater zugewendet, um kreative Distanz zu ihrer eigenen Person zu gewinnen. Sie hat ihre serbokroatische Biografie verschiedenen Regisseuren anvertraut. Die ästhetischen Ergebnisse fallen sehr unterschiedlich aus; dokumentarisch bleiben sie nicht. Diese Künstlerin hat hochsublime Kunst geschaffen mit ihrem eigenen Material.

Zu gern wäre ich Teil eines kollektiven Prozesses, der diesen Weg geht von der persönlichen Standortbestimmung zu einer künstlerisch komplexen Form.

Wir leben in einer Zeit, die dringende und komplizierte Fragen stellt. Viele Positionen müssen benannt und abgetastet werden. Die facettenreichen Spiegel der Spielarten, die dafür gefunden werden, sind vor allem bereichernd. Dokumentarisches Theater, politischer Diskurs auf der Bühne, Verwandlung oder getreues Nachspielen klassischer Vorlagen, Performance und Aktion; virtuoses und exzessives Schauspiel, bis zur oberflächlichen Unkenntlichkeit in Form eingebundene Spieler*innen, die Nutzung der eigenen Biographie – all diese Formen existieren spannungsvoll nebeneinander, wie auch das diesjährige Theatertreffen zeigt.

Offensive Konfrontation im Theater kann ein gesellschaftlicher Lackmustest sein und hilft im idealen Fall, die eigene Haltung auf Ängste, Vorurteile und Ressentiments abzuklopfen. So verweist das Theater auf das Politische im Privaten.

Erforschen wir die Unterschiede – auf der Suche nach gemeinsamem Terrain.

Dieser Beitrag erschien am 12. Mai 2015 auf dem TT-Blog.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ging in die 3. Runde

URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADTMünchner Kammerspiele, 22.3.2015

Drei Städte, eine Debatte: Die globale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES bringt Experten aus aller Welt live zusammen – hier New York, München und Madrid / Foto: Judith Buss

Wem gehört die Stadt? Wer macht die Stadt? Was ist die gute Stadt? Diese Fragen stellt URBAN PLACES – PUBLIC SPACES – eine globale Debatte zum Leben in der Stadt. Am Sonntag ging die Veranstaltungsreihe des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele in die letzte Runde, bei der auch Johan Simons Gesprächspartner war.

„Ich bin gespannt darauf, was die Experten in den anderen Städten zu sagen haben über das Zusammenleben verschiedener Schichten. Ich habe den Eindruck, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht,“ sagt Johan Simons. Zusammen mit Andres Lepik, Architekturhistoriker und Leiter des Münchner Architekturmuseums, sowie Gesprächspartnern in Südafrika und den Niederlanden diskutiert der Intendant der Münchner Kammerspiele bei der letzten Veranstaltung von URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am Sonntag in den Münchner Kammerspielen über die Zukunft unserer Städte. Zu den Referenten zählen unter anderem Tobias Kokkelmans, Dramaturg des Theaterkollektivs Wunderbaum in Rotterdam und die Architektin und Schriftstellerin Lesley Lokko in Johannesburg.

Was ist eine gute Stadt?

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid gelten die Stadtviertel Johannesburgs im kollektiven Bewusstsein noch immer als weiß oder schwarz, als arm oder reich. Auch durch Rotterdam und München – in ihrem Selbstverständnis liberale Städte – laufen unsichtbare Grenzen. Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus sind bedrohliche Phänomene in vielen europäischen Städten.

Wunderbaum De komst van Xia (c) Krista van der Niet (2)

Zu Gast in Rotterdam: Tobias Kokkelmans vom Theaterkollektiv „Wunderbaum“– hier ein Bild aus dessen Produktion „The New Forest / De Komst van Xia“ / Foto: Krista van der Niet

Wer hat in Südafrika, den Niederlanden und Deutschland Zugang zu Kultur und öffentlichen Räumen? Wie gehen wir mit religiösen Differenzen und Segregation in unseren Städten um? Welche Rolle spielen Kunst und Kultur im Stadtraum? Die Diskutanten in Johannesburg, München und Rotterdam suchen im länderübergreifenden Austausch nach Antworten.

Lokales Handeln, globales Denken

In der Reihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES wurde deutlich: Städte reagieren in vielfältiger Weise auf kulturelle, demografische und wirtschaftliche Veränderungen. Sie sind Räume in stetigem Wandel. Bereits im Februar und März debattierten Aktivisten, Künstlerinnen und Stadtplaner in Live-Videokonferenzen über Partizipation und Gemeinwohl, über die Rolle privater und öffentlicher Akteure in der Stadt. Neben München waren jeweils zwei weitere Städte aus dem weltweiten Netzwerk des Goethe-Instituts zugeschaltet: So entstand ein interkulturelles Gespräch, vielstimmig und mehrsprachig, eine Debatte über lokale Handlungsspielräume und globale Denkräume

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: Sehen Sie, was passiert, bevor sich der Vorhang hebt und die Debatte beginnt. / Film: Goethe-Institut

Wem gehört die Stadt?

Im Februar ging es in Istanbul, São Paulo und München um die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Millionen von Flüchtlingen leben in Istanbul unter oftmals schwierigen Verhältnissen. In São Paulo stellen sich – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ähnliche Herausforderungen. Bei der Veranstaltung brachte es die Soziologin Vera Telles in einem Filmbeitrag auf den Punkt: „Das zentrale Problem ist, dass die Marktlogik die Stadt, aber auch die Institutionen, das Leben, Ideen, Projekte und Vorstellungen neu definiert.“ Mietpreise erleben eine Explosion und viele Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Auch in München werden finanziell schlechter gestellte Menschen aus dem Stadtzentrum gedrängt.

Wo entsteht heute Mitbestimmung an urbanen Entwicklungen? Welche Rolle spielen Mega-Projekte für die Entwicklung unserer Städte? Und wie gehen Istanbul, São Paulo und München mit dem Thema „Housing“ um – gerade auch im Hinblick auf Flüchtlinge? Antworten gaben unter anderem der türkische Filmemacher Imre Azem, die Stadtplanerin Raquel Rolnik aus Brasilien und der Münchner Journalist Alex Rühle.


„Wem gehört die Stadt?“: Hier sehen Sie die Aufzeichnung der Debatte in voller Länge


Wer macht die Stadt?

Vom „wahren öffentlichen Raum“ sprachen David Berkvens und Manual Pascal, beide Mitglieder des Architekturkollektivs Zuloark, als es bei der zweiten Veranstaltung im März um die Frage ging „Wer macht die Stadt?“. In einer Debatte mit New York City und München berichteten die beiden Aktivisten vom Projekt „Campo de Cebada“, einem Platz mitten in Madrid, der von den Anwohnern selbst gestaltet wird. Auch im Brooklyn Navy Yard in New York City wird versucht, das kreative Potenzial von Stadtbewohnern zu nutzen und neue Räume zu erschließen.

Welche Rolle spielen private Initiativen bei der Gestaltung von Städten? Wie kann verlorenes öffentliches Terrain zurückgewonnen werden? Und wie nachhaltig und wirksam sind künstlerische Interventionen zum Thema Stadt, wie das Tanzstück der Münchner Podiumsteilnehmerin Constanza Macras? Neben dem Architekturkollektiv Zuloark beteiligten sich an der Diskussion unter anderem der spanische Kulturproduzent Javier Duero, der New Yorker Architekt Mitchell Joachim sowie die Kuratorin Angelika Fitz.


„Wer macht die Stadt?“: Am 25. April wird die zweite Debatte in voller Länge auf ARD-alpha ausgestrahlt.


URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADT Münchner Kammerspiele, 22.3.2015

Über Live-Streaming, Twitter und den Hashtag #places15 können Interessierte weltweit der Debatte im digitalen Raum folgen und Fragen in die Diskussion einbringen / Foto: Judith Buss

Analog diskutiert, digital begleitet

Auch am Sonntag findet die Veranstaltung wieder zeitgleich in allen drei Städten statt und kann weltweit über Live-Streaming auf www.goethe.de/urbanplaces verfolgt werden. Alle Interessierten in München sind herzlich eingeladen, die Debatte in den Kammerspielen zu besuchen.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ist ein Projekt des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele. Medienpartner ist der Fernsehsender ARD-alpha. Sie finden das Projekt auch auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #places15

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am 26. April um 11:00 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele

Tickets gibt es hier.

Mehr Informationen auf der Projektwebseite zu „Urban Places – Public Spaces“ des Goethe-Instituts.

Ein Gastbeitrag des Goethe-Instituts

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES: Wer macht die Stadt?

Mit ihrem, übrigens gerade für den Grimme Online Award vorgeschlagenen, Blog Let’s Talk About Arts begleiten Sarah und Susanna sehr engagiert unsere globale Debatte URBAN PLACES  PUBLIC SPACES. In ihrem aktuellen Beitrag kündigen sie die zweite Diskussion an:

Am Sonntag, 22. März 2015, findet die zweite Debatte der Veranstaltungsreihe Urban Places – Public Spaces statt, die gemeinsam von den Münchner Kammerspielen und dem Goethe Institut veranstaltet wird und sich mit dem Leben in der Stadt beschäftigt.

Wir haben bereits die erste Veranstaltung, in der Teilnehmer aus München, Istanbul und Sao Paulo die Gegenwart und Zukunft unserer Städte diskutierten, begleitet und unter anderem zu einer virtuellen Collage zur Frage Wem gehört die Stadt? aufgerufen. Die vielfältigen Bilder, die mit dem Hashtag #gehörtdiestadt auf Twitter und Instagram veröffentlicht wurden, ergeben ein Bild davon, wem die Stadt in der heutigen Zeit gehören kann. Die Debatte am 22. Februar hat zudem gezeigt, dass es gar nicht nur unbedingt darum geht, wem die Stadt gehört. Viel entscheidender für die  urbane Zukunft ist, wer die Stadt zurückerobern möchte und was dafür getan werden muss.

Die Frage der Diskussion am kommenden Sonntag lautet: Wer macht die Stadt? Und auch dieses Mal wollen wir uns der Frage, zu der am 22. März Teilnehmer aus München, Madrid und New York City diskutieren werden, fotografisch und filmisch nähern und rufen euch zur virtuellen Collage auf! Sind es Städteplaner, Bauherren, Politiker oder doch einzelne Interessensgruppen, die die Stadt machen? Sind die, die die Stadt zu dem machen, was sie ist, auch die, die sie aktiv mitgestalten?

Teilt eure Eindrücke in Form von Videos und Bildern mit dem Hashtag #machtdiestadt!

Wer ist Pop und wer ist Hochkultur?

Gerade findet in Hamburg die diesjährige SOCIAL MEDIA WEEK 2015 statt. Das Thema lautet „Reimagining Humanity“.
Im Thalia Theater werden heute im Austausch mit Bloggern und Onlineredakteuren Fragen diskutiert wie: Was ist Pop, was ist Hochkultur und warum spielt das beim Schreiben über Theater eine Rolle? Spricht mich eine klassische Theaterkritik im Feuillton an?

Direkt aus der Veranstaltung wird unter dem Hashtag #SMWHHTC getwittert.

Ab 16.30 Uhr könnt ihr hier im Livestream die Diskussionen rund um das Thema Blogging und klassische Theaterkritiken zudem mitverfolgen:

https://www.blitzvideoserver.de/player.html?serverip=62.113.221.8&serverapp=thaliaTheater-live&streamname=livestream&live=1&autostart=1

Wem gehört die Stadt?

Die internationale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES verhandelt Stadt, Kunst und urbane Aktionen. Sie startete am Sonntag, 22.2.15 bei uns im Schauspielhaus. Zusammen mit dem Goethe-Institut stellen wir die Frage „Wem gehört die Stadt?“ und wollen sie mit euch gemeinsam diskutieren. Dabei beschränken wir uns nicht auf München, sondern stellen eine globale Vernetzung her. Per Live-Videokonferenz sprechen wir mit São Paulo und Istanbul über Themen wie Wohnungsnot, die Lebenssituation von Flüchtlingen und Entwicklungsmöglichkeiten der Städte.

Die zweite Debatte wird am 22. März sich der Frage „Wer macht die Stadt?“ widmen. Fühlt euch herzlich eingeladen, unter dem Hashtag #places15 mitzudiskutieren und eure Gedanken zu dieser Thematik mit uns und den internationalen Teilnehmern zu teilen. Zur „Vorbereitung“ teilen wir einen Blogbeitrag von Let´s talk about arts.

http://www.letstalkaboutarts.com/urban-places-public-spaces-wem-gehoert-die-stadt/

Das Goethe-Institut hat sich mit Alex Rühle zu einem Interview getroffen. Der Journalist und Goldgrund-Aktivist wird am Sonntag live auf dem Podium stehen und über seine Bemühungen auf die Missstände der Wohnunspolitik hinzuweisen, berichten.

https://www.goethe.de/de/uun/akt/20476283.html

Austausch zweier Literaturgiganten

Vor zwei Wochen, am 5. Februar wäre mit William S. Burroughs einer der großen amerikanischen Autoren 101 Jahre alt geworden. Er ist einer der Literaten, die in den 50er und 60er Jahren einer Gruppe von jungen Schriftstellern angehörten, die die zwei prägendsten Figuren der Beat-Literatur, Jack Kerouac und Allen Ginsberg, hervorbrachte. Wie bei keinen anderen stellt ihr Schaffen eine neue Art von Schreiben dar, intimer und ehrlicher, als es das gesellschaftliche Klima ihrer Zeit eigentlich zugelassen hätte. Am Montag, den 16.2., lesen Steven Scharf und Edmund Telgenkämper im Rahmen der vierten und letzten Jahrhundertbriefe im Schauspielhaus aus Briefen der beiden Autoren.

Die beiden Schriftsteller stehen noch viel mehr als Burroughs für das literarische Erbe einer Generation von jungen Menschen, fremd in ihrer Zeit, immer UNTERWEGS, von Denver bis New York, über Mexiko nach Tanger. Ruhe- und rastlos wie ihre Autoren. Kerouac musste wegen einer psychischen Erkrankung die Navy verlassen und Ginsberg wurde Zeit seines Lebens für seine offen gelebte Homosexualität diffamiert. Die beiden hatten sich 1944 an der Columbia University getroffen, wo sie auch Neil Cassady kennenlernten, der später für Kerouacs Dean Moriarty aus ON THE ROAD Modell stehen sollte. Er und Ginsberg wurden Mitbewohner und zeitweise Liebhaber.

In den Mitgliedern dieser Clique von jungen Intellektuellen fand Kerouac die realen Vorbilder für die Figuren in seinem Erstlingswerk ON THE ROAD, das er 1957 veröffentlichte und das ihn schlagartig zum Führer und seinen Roman zur Bibel der Beatniks machen sollte. Ein Jahr zuvor hatte Ginsberg HOWL veröffentlicht, das er als Schreibtherapie begonnen hatte und seinem Freund Carl Solomon widmete, den er zuvor in einer Nervenheilanstalt kennengelernt hatte.

Beide Werke wurden anfangs nicht sehr wohlwollend aufgenommen. Ein Kritiker nannte ON THE ROAD eine „Serie von Grunzlauten eines Neanderthalers“, HOWL wurde einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch den der Veröffentlichung folgenden „obscenity-trial“ bekannt, als sich Ginsberg und sein Verleger wegen grafischen Schilderungen von Homosexualität und Heroinkonsum vor Gericht verantworten mussten und das Gedicht vorübergehend auf dem Index landete.

Der Wandel, den beide Autoren in den Augen der Gesellschaft im Laufe der Zeit durchmachten, ist unvergleichlich. Anfangs als langhaarige Hipster, Kommunisten und Landstreicher verschrien, stiegen sie in den folgenden Jahrzehnten zu gefeierten Helden der Literaturgeschichte auf. Scharf und Telgenkämper lesen Auszüge aus einer 25 Jahre andauernden Korrespondenz und geben einen intimen Einblick in den künstlerischen Austausch und die persönliche Beziehung dieser beiden Literaturgiganten.

Drei Fragen an… Susanne Kennedy

Das zentrale Thema von HIDEOUS (WO)MEN sind laut Susanne Kennedy die „Säfte des Lebens (Körperflüssigkeiten)“. Wir wollten noch ein wenig mehr wissen und haben der Regisseurin drei Fragen gestellt:

MK: Wo führt dich dein Drang, Grenzen zu überschreiten, noch hin?
Susanne Kennedy: Tja, das weiss ich wirklich nicht, aber irgendwie will ich wohl Dinge sehen, die ich selber vorher noch nicht in dieser Form gesehen habe. Das jedes Mal zu erreichen ist natürlich unmöglich, aber ich versuche es trotzdem. Manchmal dauert es aber Jahre, bevor ich ein Bild oder eine Atmosphäre, die ich so im Kopf hatte, umsetzen kann.Wahrscheinlich will ich über die Grenzen des Mediums Theater hinaus. Ich bereite gerade ein Projekt für das Maxim Gorki Theater vor, und das letzte Mal, als ich meine Notizen durchgelesen habe, habe ich gemerkt, dass ich ja nur über Film geschrieben habe. Jemand, der das durchlesen würde, würde denken, dass ich einen Film drehen möchte.

Wie gehst du mit flüchtendem Publikum während der Vorstellung um?

Das ist für mich kein Problem. Ich würde selber auch oft gern flüchten, traue mich aber nie.

Welchen Vorwurf/welches Kompliment möchtest du dir über deine Arbeit nicht mehr anhören?

Ich finde es immer sehr seltsam, wenn man denkt, dass ich nur Roboter oder Puppen auf der Bühne zeigen würde. Für mich sind diese Menschen da oben unglaublich realistisch.

Am 13. und 14. Februar zeigen wir die Produktion der Toneelgroep Oostpool im Werkraum. Die Ästhetik und Spielweise mit Latexmasken und Playback-Dialogen entwickelte Susanne Kennedy für WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? weiter. Für alle Susanne Kennedy-Fans haben wir ein Interview von Çigdem Teke mit ihr herausgekramt. Das Ergebnis seht ihr hier:

Eindrücke aus Peking

Während in München das Theater über den Sommer wie ausgestorben an der Maximilianstraße stand, machte sich eine Gruppe MK-Schauspieler mit einem Teil des Teams auf die Reise nach Peking. Aber nicht um Urlaub zu machen, sondern um zu proben: Gemeinsam mit Tian Gebing und seiner Pekinger Kompanie Paper Tiger Theater Studio setzten sie sich in der deutsch-chinesischen Produktionen TOTALLY HAPPY mit dem Phänomen der Masse auseinander. Zum Glück blieb neben den Proben auch ein wenig Zeit für Müßiggang. Inzwischen geht es aber in der Spielhalle an den Münchner Kammerspielen wieder richtig zur Sache: Die Endproben vor der Uraufführung am 2. Oktober haben begonnen. Zeit für ein paar Erinnerungen an China (Fotos: Liu Yin):

Do you speak English? We do, too.

With a new addition to our programme we launched an English website in July.

The Münchner Kammerspiele is a theatre with an international outlook, which manifests in many international co-productions and guest performances (from) all over the world and an ensemble with actors from many different countries. For our Dutch theatre director Johan Simons this means striving for a theatre that situates itself in the middle of the city, in the middle of Europe and in the middle of the world.

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WEISS GOTT WANN: Ein transkulturelles Projekt

Ist alles Schicksal? Entscheide ich? Was macht mir Mut? Was bringt mich ab? Ich fühle Liebe, doch ich hasse, was ich fühle. Ja, die Liebe ist eine ganz große Krankheit. Wenn du willst, schau dich um und sieh mich an. Ich mag es, in die Zukunft zu sehen.  

  Fortsetzung folgt:
Fortsetzung folgt:

Fortsetzung folgt:

Fortsetzung folgt:

 

WEISS GOTT WANN wird auf dem M8MIT! Festival am 16. und 17. Juli gezeigt. Karnik Gregorian und Anne-Isabelle Zils stellen bei diesem transkulturellen Projekt gemeinsam mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen deren Wünsche und Träume in den Mittelpunkt.