Der Stadtraum als Bühnenbild

Lotte van den Bergs Stadtraumprojekt BUILDING CONVERSATION geht in die zweite Runde. Wir haben mit der Regisseurin und dem Dramaturgen Tobias Staab gesprochen. Am 26., 27. und 28. Juni steht unser Pavillon wieder am Marienhof. Von diesem Treffpunkt strömen die Teilnehmer in unterschiedliche Richtungen aus, um eines der drei Gesprächsformate zu erleben.

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Theaterlexikon: G wie Gegenrede

Gemeinsam rufen die Münchner Kammerspiele, das Residenztheater, das Münchner Volkstheater und Attac München zur GEGENREDE – ALTERNATIVEN HÖREN, einer ganztägigen Lesung gegen den G7-Gipfel in Elmau auf. Sie beginnt heute um 12 Uhr am Richard-Strauss-Brunnen in der Fußgängerzone. SchauspielerInnen der drei Ensembles lesen eigens geschriebene, neue Texte von LiteratInnen (u. a. Elfriede Jelinek, Ingo Schulze) und PublizistInnen (u. a. Jean Ziegler, Werner Rügemer). Diese Texte werden ergänzt durch Ergebnisse und Erkenntnisse vom „Internationalen Gipfel der Alternativen“, der am 3.  und 4. Juni in München stattfand. Wir haben uns mit dem verantwortlichen Dramaturgen Malte Jelden über das Projekt unterhalten.

Wie ist die Idee zur Veranstaltung entstanden?

Malte Jelden Es war von Anfang an klar, dass wir das machen, seit die Proteste gegen den G7-Gipfel in einem sogenannten Gipfel der Alternativen in München organisiert wurden. Hierbei geht es nicht darum, zu kritisieren, es sollen vielmehr andere Politikmodelle aufgezeigt werden als jene, die G7-Politik ausmachen. Attac München hat sich gefragt: Wie können wir die Ergebnisse dieses Alternativen Gipfels, die Ideen und Visionen, einem breiteren Publikum, einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren? So sind sie an die Theater herangetreten: erst an die Kammerspiele, dann ans Residenztheater und ans Volkstheater. Wir haben uns dann überlegt, eine Lesung in der Fußgängerzone zu organisieren, mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen, die nicht sowieso immer da sind.

Warum ist es in diesem Fall die Aufgabe des Theaters, rauszugehen und sich zum Beispiel in der Fußgängerzone zu präsentieren?

Wenn das Theater nach draußen geht, hat das immer positive Effekte. Der wichtigste ist, dass Leute erreicht werden, die nicht von sich aus ins Theater kommen. Vielen Menschen fehlt der Zugang, auch wenn sie das Theater nicht grundsätzlich ablehnen. Es ist auch eine Frage der Gewohnheit. Deshalb ist es so wichtig, dass man auch manchmal Sachen macht, in denen man sich einer anderen Publikumssituation aussetzt.

Ihr habt ein breites Programm konzipiert. Das Ganze geht von 12 bis 20 Uhr.

Genau. Die Texte wiederholen sich allerdings in vier Schleifen. Jede Schleife dauert etwa zwei Stunden. In jedem Block tritt eine neue Band auf, die zwischen den Texten spielt.

Diese Texte werden dann von verschiedenen Schauspielern aus den Ensembles der drei beteiligten Theater vorgelesen?

Kollegen von allen drei Theatern sind dabei, ja. Außerdem kommen noch SprecherInnen dazu, die für den Bayerischen Rundfunk und Radio Lora arbeiten, sodass wir insgesamt 24 Sprecher und Sprecherinnen haben.

War es schwierig, Sprecher und Sprecherinnen für die Gegenrede zu gewinnen?

Es war tatsächlich ganz einfach. Man hat wirklich das Gefühl, dass ein breites Bündnis von Menschen überzeugt ist, dass diese Machtpolitik der G7 nicht dazu führen wird, dass die Welt gerechter wird. Das hat man auch auf der Demo am Donnerstag gesehen. Das ist keine radikal linke Position mehr, sondern inzwischen eine bürgerliche Grundhaltung.

Gibt es persönliche Highlights für dich?

Wir haben auf dem Alternativen Gipfel tolle ReferentInnen gehört. Von sechs von ihnen haben wir jeweils einen Text kompiliert, der auch wie eine kleine Rede funktionieren wird. Da stecken sehr viele konkret umsetzbare Forderungen drin, wie diese Welt eine gerechtere werden könnte: Sie betreffen die Verteilung der Ressourcen, die Frage der Agrarpolitik, des Klimawandels, der Energiepolitik… Das finde ich sehr wichtig und es ist gut zu vermitteln. Die literarischen Texte, zum Beispiel von Elfriede Jelinek, sind auch sehr interessant, weil sie sich viel damit beschäftigen, wie man überhaupt Veränderungen herbeiführen kann. Was macht man mit seinem politischen Willen, mit seinem Engagement? Wir können uns auf viele gute Ansätze und Ideen freuen.

Danke für das Interview.

Gedanken teilen

Die niederländische Künstlerin Lotte van den Berg hat mit Tobias Staab über ihr Projekt BUILDING CONVERSATION gesprochen, das am 3.6. Premiere hat.

Tobias Staab: Das Stadtprojekt BUILDING CONVERSATION konzentriert sich auf unterschiedliche Arten, miteinander zu kommunizieren. Bevor die einzelnen Gespräche beginnen, kommen die Zuschauer an einem Treffpunkt zusammen, der eigens dafür am Marienhof gebaut wird. Welche Rolle spielt dieser Treffpunkt im Stadtzentrum für das Projekt?

Lotte van den Berg: Peter Sellars hat einmal gesagt, dass die größte Herausforderung für Kunst der Moment sei, in dem sich die Kunst mit der Gesellschaft und deren Fragen verbindet. Der Treffpunkt ist der Ort, an dem wir die Vorstellungen beginnen und beenden. Anders als die eigentlichen Gespräche, die eher in abgeschlossenen Räumen stattfinden, handelt es sich beim Treffpunkt um einen Ort, der nach außen hin offen ist. Wenn man ins Theater geht, ist auch das Foyer von großer Wichtigkeit. Hier treffen die Zuschauer erstmals zusammen und treffen sich wieder nach der Vorstellung. Aber wie ist der Raum des Foyers gestaltet? Wie ist das Licht dort? Wie treten die Menschen hier miteinander in den Dialog? Der Treffpunkt, den wir am Marienhof bauen, ist gewissermaßen unser Foyer. Wenn wir die Dauer der Vorstellungen von BUILDING CONVERSATION mit dreieinhalb Stunden angeben, bezieht sich das nicht allein auf die Gespräche. Diese Zeit umfasst auch das Ankommen am Treffpunkt, dort etwas zu trinken, zusammen zu dem Ort des Gesprächs zu gehen, und anschließend zum Marienhof zurückzukehren, um gemeinsam Abend zu essen.
TS: Was macht es für eine Theatermacherin interessant, über Gesprächsformen nachzudenken?

LvdB: Als Theatermacherin schaue ich auf ein Gespräch, als ob es sich um Theater handeln würde. Ich sehe Menschen, die zu Performern werden, Menschen die sich streiten oder sich ineinander verlieben. Darüber vergesse ich immer wieder, dass ich selbst auch Teil des Gesprächs bin, dass auch ich von anderen wahrgenommen und beobachtet werde, dass ich auch da bin.

TS: Stellt sich diese Art des Denkens auch beim Zuschauer ein?

LvdB: Ich glaube die Frage, inwieweit wir uns voneinander unterscheiden oder uns gleichen, steht für alle ein Stück weit im
Zentrum. Ein Gespräch ist immer ein Versuch zu überprüfen, ob wir in der Lage sind, Gedanken zu teilen…

TS: Dass bei einer Form wie dem „Gespräch ohne Worte“ solche Gedanken auftauchen, scheint nachvollziehbar. Wie ist es aber, wenn man konkret über ein bestimmtes Thema spricht, wie beim „(Un)möglichen Gespräch über Gott“?

LvdB: Das Schöne an dieser „Conversation“ ist die Erkenntnis, dass man nur aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus in der Lage ist, über Gott zu sprechen. Sobald wir von dieser abweichen, tendieren wir dazu, auf Gemeinplätze und Klischees auszuweichen und gerade bei Gesprächen über Gott besteht dann die Gefahr, dass man sich auf eine allgemeine Meinung festlegt.
Derart verfestigte Meinungen sorgen wiederum dafür, dass auch das Gespräch in seiner Beweglichkeit gehemmt wird.

TS: Ein Gespräch in Bewegung zu halten, bedeutet aber auch, es nicht zu kontrollieren.

LvdB: Als Regisseurin und als Mensch bin ich jemand, der eigentlich gerne Situationen kontrolliert. Bei diesem Projekt war es jedoch wichtig, Kontrolle abzugeben. Ich sehe meine Rolle hierbei darin, einen guten Rahmen herzustellen, in dem Situationen und Dinge passieren können, die nicht vorhersehbar sind. Ich muss also allen Teilnehmern die Bedingungen klar vermitteln, die vom künstlerischen Team festgelegt wurden. Aber ich muss auch klar machen, wo die Freiheiten für die Teilnehmer liegen und wo deren Verantwortung beginnt. Dabei handelt es sich um ein wirkliches Teilnehmen und eine wirkliche Verantwortlichkeit. Es gibt bei den Gesprächen ja keine Schiedsrichter, wie im Fußball. Die Guides erklären zwar die Regeln zu Beginn, werden dann jedoch zu Teilnehmern wie alle anderen auch. Es gibt eine klare Struktur und eine Abfolge die wir setzen – bis zu einem gewissen Punkt. Ab dann wissen wir nicht mehr, was passieren wird.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES: Wer macht die Stadt?

Mit ihrem, übrigens gerade für den Grimme Online Award vorgeschlagenen, Blog Let’s Talk About Arts begleiten Sarah und Susanna sehr engagiert unsere globale Debatte URBAN PLACES  PUBLIC SPACES. In ihrem aktuellen Beitrag kündigen sie die zweite Diskussion an:

Am Sonntag, 22. März 2015, findet die zweite Debatte der Veranstaltungsreihe Urban Places – Public Spaces statt, die gemeinsam von den Münchner Kammerspielen und dem Goethe Institut veranstaltet wird und sich mit dem Leben in der Stadt beschäftigt.

Wir haben bereits die erste Veranstaltung, in der Teilnehmer aus München, Istanbul und Sao Paulo die Gegenwart und Zukunft unserer Städte diskutierten, begleitet und unter anderem zu einer virtuellen Collage zur Frage Wem gehört die Stadt? aufgerufen. Die vielfältigen Bilder, die mit dem Hashtag #gehörtdiestadt auf Twitter und Instagram veröffentlicht wurden, ergeben ein Bild davon, wem die Stadt in der heutigen Zeit gehören kann. Die Debatte am 22. Februar hat zudem gezeigt, dass es gar nicht nur unbedingt darum geht, wem die Stadt gehört. Viel entscheidender für die  urbane Zukunft ist, wer die Stadt zurückerobern möchte und was dafür getan werden muss.

Die Frage der Diskussion am kommenden Sonntag lautet: Wer macht die Stadt? Und auch dieses Mal wollen wir uns der Frage, zu der am 22. März Teilnehmer aus München, Madrid und New York City diskutieren werden, fotografisch und filmisch nähern und rufen euch zur virtuellen Collage auf! Sind es Städteplaner, Bauherren, Politiker oder doch einzelne Interessensgruppen, die die Stadt machen? Sind die, die die Stadt zu dem machen, was sie ist, auch die, die sie aktiv mitgestalten?

Teilt eure Eindrücke in Form von Videos und Bildern mit dem Hashtag #machtdiestadt!

Wem gehört die Stadt?

Die internationale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES verhandelt Stadt, Kunst und urbane Aktionen. Sie startete am Sonntag, 22.2.15 bei uns im Schauspielhaus. Zusammen mit dem Goethe-Institut stellen wir die Frage „Wem gehört die Stadt?“ und wollen sie mit euch gemeinsam diskutieren. Dabei beschränken wir uns nicht auf München, sondern stellen eine globale Vernetzung her. Per Live-Videokonferenz sprechen wir mit São Paulo und Istanbul über Themen wie Wohnungsnot, die Lebenssituation von Flüchtlingen und Entwicklungsmöglichkeiten der Städte.

Die zweite Debatte wird am 22. März sich der Frage „Wer macht die Stadt?“ widmen. Fühlt euch herzlich eingeladen, unter dem Hashtag #places15 mitzudiskutieren und eure Gedanken zu dieser Thematik mit uns und den internationalen Teilnehmern zu teilen. Zur „Vorbereitung“ teilen wir einen Blogbeitrag von Let´s talk about arts.

http://www.letstalkaboutarts.com/urban-places-public-spaces-wem-gehoert-die-stadt/

Das Goethe-Institut hat sich mit Alex Rühle zu einem Interview getroffen. Der Journalist und Goldgrund-Aktivist wird am Sonntag live auf dem Podium stehen und über seine Bemühungen auf die Missstände der Wohnunspolitik hinzuweisen, berichten.

https://www.goethe.de/de/uun/akt/20476283.html

DER KAUF: Wie weit geht der Kampf um Besitz?

Paul Plampers Hörspiel DER KAUF über das fragwürdige Glück, das Eigentum und Besitz uns versprechen, wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet. Die Jurybegründung ist auf dem Blog von Wolfgang Schiffer zu finden. In einem Interview mit der WDR-Redakteurin Martina Müller-Wallraff spricht Paul Plamper über Leerstellen, Gentrifizierung und das Live-Erlebnis mit DER KAUF auf der Brache. Am Sonntag, 6.7. ist der Hörspielparcours auch in München zu erleben.

© Paul Plamper

© Paul Plamper

Was treibt Dich auf die Brache? Ich bin schon immer gerne auf Brachen spaziert. Das sind für mich Zeitkapseln, auf denen Überreste von Geschichte offenliegen. Viele Brachen sind durch Kriege entstanden. Gleichzeitig ist die Brache als Lücke in der Stadtlandschaft ein „freier“ Ort mit Potenzial. Nichts verrät mir, wem hier was gehört, keine Klingelschilder oder Gegensprechanlagen. Konzepte wie Eigentum kommen mir auf einer Brache noch absurder vor als sonst. Die Brache stellt für mich die Frage, warum jemand das Recht haben soll, sich einen Claim abzustecken, einen Zaun zu ziehen. Muss Besitz bedeuten: Wenn einer drauf ist, sind die anderen draußen?

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