Brutalität des Alltäglichen

Mit zwei ausverkauften Vorstellungen war WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? in dieser Woche auf dem Berliner Theatertreffen zu Gast. Am Freitag, 8.5., zeigen wir Susanne Kennedys Inszenierung wieder im Schauspielhaus – mit anschließender Münchenpremiere des Dokumentarfilms FASSBINDER im Rahmen des DOK.fests. Oliver Franke nimmt sich unserer Inszenierung in einem Artikel auf dem Theatertreffen-Blog an.

Sei ein aufopferungsvoller und liebender Ehemann und Vater! Sei ein freundlicher, zuvorkommender Nachbar! Sei eine konstruktive Kraft in der arbeitsökonomischen Verwertungskette! Herr Raab – Familienvater, Nachbar, Arbeitskollege – scheint all diesen Imperativen nachzugehen. Doch das Streben nach einem kleinbürgerlichen Lebensideal führt zur totalen Selbstaufgabe und schlussendlich in die Katastrophe.

In lose aneinandergereihten, improvisierten Szenen erzählt der Film „Warum läuft Herr R. Amok“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder die Geschichte der sukzessiven Entfremdung eines Mannes von seinem sozialen Umfeld und sich selbst. Einem Menschen, der keinen Halt findet in seinem Lebensalltag und lediglich in Zuschreibungen und Erwartungshaltungen, die seine Mitmenschen auf ihn projizieren, seine Existenzberechtigung sucht. Jedoch bleibt letztlich die Frage nach dem „Warum?“ ungelöst. Warum Herr Raab seine Familie und Nachbarin umgebracht hat, bleibt unerklärlich und in seiner offensiven Beiläufigkeit zutiefst erschütternd und bedrohlich.

Susanne Kennedys Inszenierung des gleichnamigen Films liefert dankenswerterweise ebenfalls keine Antworten auf die Titelfrage. Vielmehr intensiviert sie die Ratlosigkeit, die das Schicksal von Herrn Raab und seiner Familie hinterlässt, durch eine konsequente Bühnenästhetik der ‚exzessiven’ Reduktion und Entschleunigung. Kennedy liebt es, ihre DarstellerInnen in ein fest reglementiertes Darstellungsrepertoire zu zwängen. Bereits in ihrer Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ erzeugte sie Verfremdungen der Zuschauerwahrnehmung, indem die AkteurInnen in statische Szenenbilder gruppiert wurden und mittels einer bereits aufgenommenen Tonspur die Textpassagen im Playback nachsprachen. Dieses Konzept der Entmächtigung innerhalb der Darstellung wird nun in der neuen Inszenierung fortgesetzt und auf die Spitze getrieben. Die Stimmen wurden von Laien aufgenommen und das mimische Spiel verschwindet beinahe gänzlich hinter Gesichtsmasken.

Was bleibt, sind Hybride zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Marionettenhaftigkeit und individuellem Gestenrepertoire der DarstellerInnen. Statt plastisch ausgeformter Figuren gibt es grob skizzierte Charakterentwürfe – austauschbare Instanzen, Leidensstationen auf dem Weg in den Tod. Immer wieder schlüpfen die DarstellerInnen abwechselnd in die verschiedenen Rollen. Ein inszenatorischer Kniff, der die Austauschbarkeit und Allgemeingültigkeit des Figurenrepertoires verdeutlicht. Seltsam und befremdlich schauen sie aus, die SchauspielerInnen, in dieser sterilen, holzverschalten Vorhölle – mitsamt Gummipflanze und Linoleum-Fliesenimitat –, die den Charme von Un-Orten wie Wartesälen oder Bahnhofsspielhallen versprüht. In einzelnen Szenenbildern werden alltägliche Situationen in ihrer ernüchternder Banalität und ihren perfiden Machtstrukturen zu einem Sittengemälde unerträglich dumpfer und erniedrigender Selbsttäuschung zusammenmontiert.

Der Kampfplatz ist überall – ob im Wohnzimmer, im Plattenladen oder auf der Straße. Immer wieder stößt Herr R. auf Ablehnung und Unverständnis. Kennedy exerziert dies in teilweise unerträglich statischen Bildern und einer brutal-konsequenten Klarheit. Die Inszenierung hat nicht nur die Struktur der einzelnen heterogenen Szenenfragmenten des Films übernommen, sondern auch eine höchst stilisierte und ausdrucksstarke Form gefunden, die atmosphärische Qualität des Films in seiner Darstellung und ‘Fühlbar-Machung’ der Lethargie, Tristesse und Sprachlosigkeit innerhalb der kleinbürgerlichen Familie in den theatralen Kontext zu transferieren .
Die Banalität und Brutalität des Alltäglichen werden somit auf die Bühne gehievt und maßlos vorgeführt.

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Gastbeitrag aus dem Theatertreffen-Blog von Oliver Franke

Den Artikel finden Sie auf dem Theatertreffen-Blog

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ging in die 3. Runde

URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADTMünchner Kammerspiele, 22.3.2015

Drei Städte, eine Debatte: Die globale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES bringt Experten aus aller Welt live zusammen – hier New York, München und Madrid / Foto: Judith Buss

Wem gehört die Stadt? Wer macht die Stadt? Was ist die gute Stadt? Diese Fragen stellt URBAN PLACES – PUBLIC SPACES – eine globale Debatte zum Leben in der Stadt. Am Sonntag ging die Veranstaltungsreihe des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele in die letzte Runde, bei der auch Johan Simons Gesprächspartner war.

„Ich bin gespannt darauf, was die Experten in den anderen Städten zu sagen haben über das Zusammenleben verschiedener Schichten. Ich habe den Eindruck, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht,“ sagt Johan Simons. Zusammen mit Andres Lepik, Architekturhistoriker und Leiter des Münchner Architekturmuseums, sowie Gesprächspartnern in Südafrika und den Niederlanden diskutiert der Intendant der Münchner Kammerspiele bei der letzten Veranstaltung von URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am Sonntag in den Münchner Kammerspielen über die Zukunft unserer Städte. Zu den Referenten zählen unter anderem Tobias Kokkelmans, Dramaturg des Theaterkollektivs Wunderbaum in Rotterdam und die Architektin und Schriftstellerin Lesley Lokko in Johannesburg.

Was ist eine gute Stadt?

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid gelten die Stadtviertel Johannesburgs im kollektiven Bewusstsein noch immer als weiß oder schwarz, als arm oder reich. Auch durch Rotterdam und München – in ihrem Selbstverständnis liberale Städte – laufen unsichtbare Grenzen. Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus sind bedrohliche Phänomene in vielen europäischen Städten.

Wunderbaum De komst van Xia (c) Krista van der Niet (2)

Zu Gast in Rotterdam: Tobias Kokkelmans vom Theaterkollektiv „Wunderbaum“– hier ein Bild aus dessen Produktion „The New Forest / De Komst van Xia“ / Foto: Krista van der Niet

Wer hat in Südafrika, den Niederlanden und Deutschland Zugang zu Kultur und öffentlichen Räumen? Wie gehen wir mit religiösen Differenzen und Segregation in unseren Städten um? Welche Rolle spielen Kunst und Kultur im Stadtraum? Die Diskutanten in Johannesburg, München und Rotterdam suchen im länderübergreifenden Austausch nach Antworten.

Lokales Handeln, globales Denken

In der Reihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES wurde deutlich: Städte reagieren in vielfältiger Weise auf kulturelle, demografische und wirtschaftliche Veränderungen. Sie sind Räume in stetigem Wandel. Bereits im Februar und März debattierten Aktivisten, Künstlerinnen und Stadtplaner in Live-Videokonferenzen über Partizipation und Gemeinwohl, über die Rolle privater und öffentlicher Akteure in der Stadt. Neben München waren jeweils zwei weitere Städte aus dem weltweiten Netzwerk des Goethe-Instituts zugeschaltet: So entstand ein interkulturelles Gespräch, vielstimmig und mehrsprachig, eine Debatte über lokale Handlungsspielräume und globale Denkräume

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: Sehen Sie, was passiert, bevor sich der Vorhang hebt und die Debatte beginnt. / Film: Goethe-Institut

Wem gehört die Stadt?

Im Februar ging es in Istanbul, São Paulo und München um die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Millionen von Flüchtlingen leben in Istanbul unter oftmals schwierigen Verhältnissen. In São Paulo stellen sich – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ähnliche Herausforderungen. Bei der Veranstaltung brachte es die Soziologin Vera Telles in einem Filmbeitrag auf den Punkt: „Das zentrale Problem ist, dass die Marktlogik die Stadt, aber auch die Institutionen, das Leben, Ideen, Projekte und Vorstellungen neu definiert.“ Mietpreise erleben eine Explosion und viele Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Auch in München werden finanziell schlechter gestellte Menschen aus dem Stadtzentrum gedrängt.

Wo entsteht heute Mitbestimmung an urbanen Entwicklungen? Welche Rolle spielen Mega-Projekte für die Entwicklung unserer Städte? Und wie gehen Istanbul, São Paulo und München mit dem Thema „Housing“ um – gerade auch im Hinblick auf Flüchtlinge? Antworten gaben unter anderem der türkische Filmemacher Imre Azem, die Stadtplanerin Raquel Rolnik aus Brasilien und der Münchner Journalist Alex Rühle.


„Wem gehört die Stadt?“: Hier sehen Sie die Aufzeichnung der Debatte in voller Länge


Wer macht die Stadt?

Vom „wahren öffentlichen Raum“ sprachen David Berkvens und Manual Pascal, beide Mitglieder des Architekturkollektivs Zuloark, als es bei der zweiten Veranstaltung im März um die Frage ging „Wer macht die Stadt?“. In einer Debatte mit New York City und München berichteten die beiden Aktivisten vom Projekt „Campo de Cebada“, einem Platz mitten in Madrid, der von den Anwohnern selbst gestaltet wird. Auch im Brooklyn Navy Yard in New York City wird versucht, das kreative Potenzial von Stadtbewohnern zu nutzen und neue Räume zu erschließen.

Welche Rolle spielen private Initiativen bei der Gestaltung von Städten? Wie kann verlorenes öffentliches Terrain zurückgewonnen werden? Und wie nachhaltig und wirksam sind künstlerische Interventionen zum Thema Stadt, wie das Tanzstück der Münchner Podiumsteilnehmerin Constanza Macras? Neben dem Architekturkollektiv Zuloark beteiligten sich an der Diskussion unter anderem der spanische Kulturproduzent Javier Duero, der New Yorker Architekt Mitchell Joachim sowie die Kuratorin Angelika Fitz.


„Wer macht die Stadt?“: Am 25. April wird die zweite Debatte in voller Länge auf ARD-alpha ausgestrahlt.


URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADT Münchner Kammerspiele, 22.3.2015

Über Live-Streaming, Twitter und den Hashtag #places15 können Interessierte weltweit der Debatte im digitalen Raum folgen und Fragen in die Diskussion einbringen / Foto: Judith Buss

Analog diskutiert, digital begleitet

Auch am Sonntag findet die Veranstaltung wieder zeitgleich in allen drei Städten statt und kann weltweit über Live-Streaming auf www.goethe.de/urbanplaces verfolgt werden. Alle Interessierten in München sind herzlich eingeladen, die Debatte in den Kammerspielen zu besuchen.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ist ein Projekt des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele. Medienpartner ist der Fernsehsender ARD-alpha. Sie finden das Projekt auch auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #places15

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am 26. April um 11:00 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele

Tickets gibt es hier.

Mehr Informationen auf der Projektwebseite zu „Urban Places – Public Spaces“ des Goethe-Instituts.

Ein Gastbeitrag des Goethe-Instituts

Carl Oesterhelt vertont Pessoas literarische Schatztruhe

Als Fernando Pessoa 1935 starb, war er nur wenigen Freunden als begnadeter Dichter bekannt. Sein Lebenswerk lag in einer Truhe verschlossen in seinem Haus, der Öffentlichkeit unzugänglich. In den Jahrzehnten nach seinem Tod mühten sich unzählige Literaturwissenschaftler, den Inhalt zu ordnen und zu Gedichtbänden und Romanen zusammenzufügen.

Carl Oesterhelt, der schon die Musik für Inszenierungen wie DANTONS TOD oder DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN komponierte, hat sich vor einem Jahr daran gemacht, aus Pessoas veröffentlichten Werken Liedtexte zusammenzustellen und diesem Ausnahmeliteraten mit DIE TRUHE ein musikalisches Denkmal zu setzen. Wir haben uns mit ihm getroffen und zur Uraufführung seines Stückes, geschrieben für Kammerorchester und Ensemblemitglied und Sänger Benny Claessens,  befragt.

MK Podcast – WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?

Das Berliner Theatertreffen versammelt jedes Jahr die innovativsten und spannendsten Produktionen der deutschen Theaterwelt. 2015 ist auch Susanne Kennedys außergewöhnliche Inszenierung von WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? eingeladen. Ihrer Bühnenadaption, nach einem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler, widmet sich auch die erste Folge unseres MK Podcasts. Hier versammeln wir Stimmen zum Stück, Informationen zur Inszenierung und Ausschnitte, ganz bequem zum Anhören, ob unterwegs oder zuhause.

HIER SIND WIR!

„Man nennt uns Zigeuner“, erzählt uns einer der Mitwirkenden von IMPROMA: HIER SIND WIR! Sinti und Roma erfahren auch heute noch Ausgrenzung und Diskriminierung aus der Gesellschaft. Auch darum geht es bei dem Theaterprojekt IMPROMA: HIER SIND WIR! Ein Theaterabend mit Improvisationselementen, der rund um Ängste, Mut und geheime Wünsche kreist. 15 Kinder und Jugendliche aus Sinti- und Roma-Familien und Andreas Wolf vom fastfood theater arbeiten seit Sommer 2014 an diesem Projekt. Am 15. und 16. April bringen sie ihr Stück im Werkraum der Münchner Kammerspiele auf die Bühne. Wir haben uns mit vier der mitwirkenden Jugendlichen und dem Projektleiter Alexander Adler getroffen. Im Interview erfahrt ihr mehr über ihre Erfahrungen, das Projekt und den besonderen Zusammenhalt der Gruppe.


Interview: Beatrix Rinke, Video: Dirk Windloff

Theaterlexikon: F wie Fritz Kater

Wo war eigentlich Fritz Kater bei der Uraufführung seines neuesten Textes BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA)? Wer den Regisseur Armin Petras gesehen hat, hat zumindest seinen längsten Weggefährten gesehen. In einem Interview erzählt Petras, dass es eigentlich unmöglich sei, Fritz Katers Stück BUCH auf die Bühne zu bringen. Er hat es trotzdem getan.

Ein Bild kann man sich zwar nicht direkt von Fritz Kater machen, weil es keine Fotos gibt. Einige biographische Informationen kursieren aber durchaus. Er wurde 1966 in der DDR geboren, ist somit zwei Jahre jünger als der Regisseur. Letzterer ist auch erst mit fünf Jahren in die DDR übergesiedelt. Nach seinem Wehrdienst machte Fritz Kater eine Lehre als Fernsehmechaniker und arbeitete u.a. mit freien Theatergruppen im kirchlichen Bereich. 1987 reiste er in die BRD, bevor er drei Jahre später nach Berlin zurückkehrte. Zu dieser Zeit begann er, seine ersten Stücke zu schreiben, die Armin Petras dann meistens inszenierte.

2003  erhielt Fritz Kater den Mülheimer Dramatikerpreis. Im selben Jahr und im Jahr darauf wurden seine Texte von der Theaterzeitschrift „Theater Heute“ zu Stücken des Jahres gekürt. Auch auf Preisverleihungen sucht man Fritz Kater aber meist vergeblich.

BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA) ist eine Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart, wo es in der nächsten Spielzeit zu sehen ist. Wir zeigen die Produktion bis zum 18. Mai.

Der neue Mensch und die soziale Plastik

Armin Petras inszenierte Fritz Katers Stück BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA). Uraufführung war am 10. April in der Spielhalle. Unser Dramaturg Tobias Staab sprach mit dem Regisseur über das Stück und das Publikum als Organismus.

Tobias Staab: Fritz Katers Text BUCH ist strukturiert in fünf Teile, die formal wie inhaltlich sehr unterschiedlich erscheinen. Wo liegen die Verbindungslinien zwischen den Kapiteln?

Armin Petras: Der Untertitel von BUCH lautet 5 INGREDIENTES DE LA VIDA, also fünf Bestandteile oder Zutaten des Lebens, wobei man natürlich lange drüber nachdenken kann, warum es gerade diese Zutaten sind und nicht drei oder sieben andere. Dieses Buch ist also nur Teil eines Buches, das wir alle täglich schreiben oder das die Welt täglich schreibt. Wenn man länger daran arbeitet, erkennt man, dass es bestimmte Strukturen gibt, die sich wiederholen. Es gibt sehr oft das Thema „Mutter – Kind“, es gibt sehr oft das Thema der Vaterlosigkeit. Dazu kommt die Frage: „Wofür lohnt es sich, zu leben?“ Das sind jetzt drei Aspekte, die ich aus dem größeren Zusammenhang gerissen habe, denn es gibt sicherlich noch viele, viele andere. So wie es in einem Stoff oder in einem Teppich Fäden gibt, unsichtbare Fäden, die einem erst auf den zweiten Blick bewusst werden.

Auch der Begriff der Utopie zieht sich leitmotivisch durch das ganze Stück. Welche Perspektiven werden dabei durchlaufen?

AP: Die Utopie steht in dem Text für eine gemeinsame, verbindende Idee, die besagt, in welche Richtung sich unser Leben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bewegen sollte. Ich habe den Eindruck, dass dies die einzige Überschrift ist, die einem etwas unangenehm aufstößt. Es wäre vielleicht nicht nötig gewesen, diese Zutat des Lebens zu beschreiben. Vielleicht braucht man gerade diese Zutat nicht im Leben, weil es eine falsche Zutat ist.

Ist das Prinzip Hoffnung nicht ein zentrales Element des menschlichen Selbstverständnisses?

AP: Ich glaube eher an das, was die beiden Kinder im zweiten Teil durchexerzieren, nämlich Phantasie. Das heißt, ich brauche keinen Masterplan oder etwas, das ich mir vornehme. Was ich brauche, ist eine bestimmte Haltung in einem bestimmten Augenblick, eine Entscheidungsfähigkeit in einem Moment. Ist aber die Emotion ein ausreichender Ratgeber für eine Entscheidung? Ich würde sagen, nein, aber ohne geht es überhaupt nicht. Der Mathematiker sagt, es ist nicht hinreichend, aber notwendig.

Im dritten Kapitel, das den Titel „Liebe und Tod“ trägt, wird auf die Idee des „neuen Menschen“ verwiesen. Nimmt diese Utopie aus den Anfängen der DDR in diesem Kontext eine Sonderstellung ein?

AP: Die Figur Ernst, die von Ursula Werner gespielt wird, kommt im ersten, im zweiten und im dritten Teil vor. Im ersten und dritten Teil real, im zweiten Teil wird zumindest von ihm gesprochen, vom Vater, der im Krankenhaus liegt. Ernst sagt von sich selbst, dass er für ein besseres Leben, für eine andere Gesellschaft eingetreten ist. Das hat allerdings nicht funktioniert. Diese Gesellschaft hat ihre utopischen Entwürfe nicht erreicht und wird sehr deutlich als eine sterbende beschrieben. Utopien scheitern an ihrem Anspruch. Ich denke zum Beispiel an die Gulags von Stalin, einem der größten Mörder der Menschheitsgeschichte. Und das ist ja im Endeffekt die Utopie, auf die sich Ernst konkret bezieht.

Der Utopien-Teil wird als Filminstallation gezeigt, im Akt „Sorge“ steht eine Art Skulptur auch in einem eher installativen Kontext auf der Bühne. Woher kommt das Bedürfnis einer Annäherung an andere Kunstdisziplinen?

AP: Mich interessiert im Theater immer mehr der Weg in die anderen Künste. Im Sprechtheater können wir eigentlich alles, was in anderen Künsten passiert, schreddern, komprimieren, benutzen, sampeln. Wir haben über Utopien geredet, und hier besonders über die Idee des neuen Menschen. Ich finde diese Idee interessant und nicht unbedingt falsch, denn sie besagt, dass in dem Augenblick, in dem man eine neue Struktur findet, in der Menschen zusammenleben, sich auch der Mensch selbst verändert. Beuys sprach vom Kunstwerk als soziale Plastik. Und ich glaube schon, dass diese beiden Begriffe – der vom neuen Menschen und der vom erweiterten Kunstwerk –, dass die etwas miteinander zu tun haben. Im fünften Teil tritt die Figur eines bildenden Künstlers auf, der durch seine Kunst versucht, dem Leben etwas wiederzugeben, was wir verloren haben. Etwas, was unsere ökonomistische Gesellschaft zerstört, vereinfacht, rationalisiert. Durch Diskurs, durch Widerspruch, manchmal auch durch Härte, durch Verzweiflung.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen der sozialen Plastik und dem, was wir auf der Bühne sehen?

AP: Ich finde, ein Theaterabend ist eine soziale Plastik. Das sind Körper, die atmen, die bluten, da gibt es einen Organismus, da gibt es Wellen, vielleicht gibt es da sogar so etwas wie Seele, das kommt ganz auf den Abend an, da gibt es Tränen, Hass, Widerstand, manchmal auch Lachen und Applaus. Das ist eine soziale Plastik.

Vergängliche Schönheit

Johan Simons‘ Idee, eine schmelzende Wachsfigur auf die Bühne zu bringen, von der am Ende der Vorstellung kaum mehr etwas übrigbleiben würde, bedeutete eine große Herausforderung für die Mitarbeiter der Produktion DIE NEGER. Eine Herausforderung, die unsere Theaterplastikerin Gabriele Obermaier gerne annahm. „Es hat mich gereizt, etwas zu machen, was sich eigentlich verbietet. Am Theater mit Wachs zu arbeiten, ist ziemlich innovativ. Denn es eignet sich eigentlich kaum: Es ist weich und elastisch, absolut nicht robust und eigentlich nicht transportfähig“, sagt sie. Besonders knifflig: Damit die 18 Kilogramm schwere Figur, die innen hohl ist, in genau 90 Minuten komplett herunterschmelzen kann, musste vorher die  genaue Wandstärke ermittelt werden. Die Wärmeplatte, auf der die Figur während der Vorstellung liegt, muss außerdem genau die richtige Temperatur haben, um den Schmelzvorgang zu kontrollieren – Stefan Schmied aus der Beleuchtungsabteilung hat lange an dieser Konstruktion getüftelt.

Als die Wachsfigur, für die eine ehemalige Tänzerin Modell lag, zum ersten Mal vor den Augen aller an der Arbeit Beteiligten zur Probe geschmolzen wurde, war das ein besonderer Moment: „Wir starrten eineinhalb Stunden lang gebannt auf die schmelzende Figur, als würden wir fasziniert ins Feuer schauen. Die Freude darüber, dass es tatsächlich funktioniert hat, war riesig“.

Carolina Zimmermann

„Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens“

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus zeigen wir in Zusammenarbeit mit dem DOK.fest München den Dokumentarfilm FIRST CLASS ASYLUM von Nina Wesemann (Freitag, 20. März, 20 Uhr, Werkraum). Philipp Großmann vom DOK.fest hat die Filmemacherin getroffen und mit ihr über die Entstehung ihres Projekts gesprochen:

Im Juni 2013 errichteten Flüchtlinge auf dem Rindermarkt Zelte und treten in einen Hunger- und schließlich Durststreik, um ihre Anerkennung als Asylberechtigte zu fordern. In den Zelten harren sie sieben Tage aus, bis das Camp mitten in der Nacht von der Polizei geräumt wird. Eine öffentliche Demonstration der Verzweiflung – filmisch ganz nah begleitet durch Niklas Hoffmann, Alexandra Wesolowski und Nina Wesemann.

DOK.film: Der Hungerstreik war eine spontane Aktion, die sich aus einer allgemeinen Demonstration für die Verbesserung der Situation Flüchtlinge ergab. Kannst du erklären, wie es zu dem Film kam?

Nina Wesemann: Alex und Niklas haben an der Demonstration teilgenommen und mich dann angerufen, als feststand, dass es zu einem Hungerstreik kommen würde. Die ersten vier Tage war uns gar nicht klar, dass wir einen Film drehen, aber es schien uns von Anfang an sehr wichtig, da zu sein und auch zu filmen. Wir nahmen eine Art Zwischenrolle ein, waren anfänglich mehr Supporter als Filmemacher. Ich denke, das hat dazu geführt, dass die Protestierenden uns schneller kennengelernt und sich an uns gewöhnt haben. Irgendwann haben wir dann aber nur noch gefilmt.

Wie wurdet ihr von den Streikenden wahrgenommen? Hat sich das Verhältnis geändert, als ihr dann nur noch gefilmt habt?

Allgemein waren sie eher zurückhaltend. Wenn wir gefragt wurden, was wir dort eigentlich machen, antworteten wir, dass wir von der Filmhochschule sind und uns der Hungerstreik und ihre Perspektive interessiert. Teilweise führte das aber auch zu komischen Situationen, da sie uns nicht wirklich einordnen konnten. Mit der Zeit haben sie sich jedoch nicht mehr gefragt wer wir sind, oder was wir machen und dadurch hatten wir im Vergleich zu den konventionellen Medien eine Art Bonus.

Ihr durftet ja auch im Zelt drehen.

Nur zu Anfang, dann wurde es strenger. Als die Aufmerksamkeit wuchs und sich immer mehr Leute am Platz aufhielten, wurde es den Flüchtlingen zu heikel. Es war schwierig für sie, den Umgang mit den Medien zu kontrollieren und auch uns wurde öfter gesagt, dass wir rausgehen sollen. Leider konnten wir zum Beispiel die Plenen nicht filmen, die die Protestierenden zweimal täglich abhielten.

Wie wurdet ihr von offizieller Seite wahrgenommen? Gab es während den Dreharbeiten Kontakt zu Behörden oder Polizei?

Nicht direkt. In Kontakt waren wir zum Beispiel mit dem Kreisjugendring und dem Flüchtlingsrat, aber eher um uns auszutauschen und weil sie wichtige Informationen für uns hatten. Es gab die ganze Woche über viele Spekulationen über den weiteren Verlauf und die verschiedenen Interessen. Die Polizei hat nicht wirklich auf uns reagiert, wir wurden einfach als Fernsehteam eingeordnet. In einer Szene sieht man eine Diskussion zwischen Ashkan Khorasani (der Wortführer des Camps, Anm. d. Red.), der Übersetzerin und einem Polizisten. Da merkt man, dass die Kamera dem Polizisten zu nahe ist. Weggeschickt wurden wir aber nie. Anders war es bei der Räumung. Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt waren nicht viele Medienvertreter da und die Anwesenden wurden weggedrängt – man würde den Einsatz stören. Das Filmen war dadurch kaum noch möglich.

Kürzlich kam es, die Räumung des Camps betreffend, zu einem neuen Urteil. Das Landgericht München stellte fest, dass die Anordnung einer Räumung nicht in die Zuständigkeit des Kreisverwaltungsreferats fiel. Bemängelt wurde auch, dass den Streikenden vor der Räumung nicht genug Zeit gegeben wurde, den Platz freiwillig zu verlassen. Wie stehst du zu diesem Urteil?

Ich halte das für ein sehr gutes Urteil. Ich kenne mich rechtlich nicht ganz genau aus, aber wer die Räumung miterlebt hat, weiß, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Mit Menschen, die total fertig sind, nach sieben Tagen Hunger- und Durststreik, muss man vorsichtiger umgehen. Auch die Durchsage, das Camp zu räumen, hätte früher kommen müssen – man wurde komplett überrascht. Plötzlich kamen Polizisten angelaufen. Somit ist es gut, dass es zu diesem Urteil kam, da es das Geschehene noch einmal in Erinnerung ruft.

Den Film gibt es ja nun schon ein Jahr und er wird immer wieder in verschiedenen Städten gezeigt. Haben die Entstehung des Films und das Feedback der Zuschauer deine Einstellung als Filmemacherin verändert?

Ich würde nicht sagen „verändert“. Aber wir haben auf jeden Fall viel gelernt. Es gibt jetzt diesen Film, der quasi ein Zeitdokument geworden ist, und damit haben wir eine große Verantwortung. Bei den Vorführungen merkt man, dass Leute, die selbst dabei waren, ihre Erinnerung an den Film adaptieren. Viele Zuschauer wirken auch wirklich erschöpft, nachdem sie den Film gesehen haben.

Besonders der Schnitt war eine schwierige Aufgabe, da wir eine Woche in eineinhalb Stunden zusammenfassen mussten und es uns besonders wichtig war, Vielschichtigkeit aufzuweisen und eben keine eindeutige Antwort zu liefern. Der Zuschauer soll sich selbst Fragen stellen und sich Gedanken machen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Hereinnahme von einzelnen Aussagen oder Aufnahmen genau abzuwägen, da selbst kleine Änderungen viel am Gesamtbild ändern können.

Wie schätzt du die Aktion im Nachhinein ein? Würdest du sagen, dass der Protest auch in der Politik nachhaltig Gehör fand?

Menschen, die sich mit der Thematik beschäftigen, sehen den Rindermarkt-Streik deutschlandweit als einschneidenden Protest, da er eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Viele Leute haben sich damit beschäftigt – auch Politiker. Aber gerade der Austausch innerhalb der Bevölkerung war für mich eine der positivsten Erscheinungen. Kurzzeitig gab es einen Ort, an dem die verschiedensten Meinungen aufeinandertrafen und es zu einem wirklichen Dialog kam.

Auch auf konkreterer Ebene hat sich etwas getan. Die Fälle der beteiligten Flüchtlinge wurden noch mal überprüft und viele haben eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Der genaue Zusammenhang mit dem Protest ist schwer einzuschätzen, aber ich denke schon, dass er für eine gewisse Beschleunigung gesorgt hat.

Aktuell ist ja auch oft von den Zuständen in den Flüchtlingslagern die Rede. Wie siehst du diese Problematik?

Ich denke es ist sehr wichtig, dass sich das Selbstbild der Flüchtlinge verändert. Dabei würde es natürlich sehr helfen, wenn sich ihre Ankunfts- und Lebensumstände verbessern würden. An schöneren, menschenwürdigeren Orten hätten sie ein anderes Selbstverständnis, was den Umgang mit dem neuen Land und der Bevölkerung sicher leichter machen würde. Man könnte besser aufeinander zugehen. Hier kann man schon mit kleinen Verbesserungen etwas bewirken. Nichtsdestotrotz ist es wichtig darüber hinaus die Themen Bildung, Arbeit und Residenzpflicht anzugehen. Das sind alles Kernpunkte, mit denen wir uns dringend auseinandersetzen müssen.

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Zum DOK.fest-Blogeintrag

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES: Wer macht die Stadt?

Mit ihrem, übrigens gerade für den Grimme Online Award vorgeschlagenen, Blog Let’s Talk About Arts begleiten Sarah und Susanna sehr engagiert unsere globale Debatte URBAN PLACES  PUBLIC SPACES. In ihrem aktuellen Beitrag kündigen sie die zweite Diskussion an:

Am Sonntag, 22. März 2015, findet die zweite Debatte der Veranstaltungsreihe Urban Places – Public Spaces statt, die gemeinsam von den Münchner Kammerspielen und dem Goethe Institut veranstaltet wird und sich mit dem Leben in der Stadt beschäftigt.

Wir haben bereits die erste Veranstaltung, in der Teilnehmer aus München, Istanbul und Sao Paulo die Gegenwart und Zukunft unserer Städte diskutierten, begleitet und unter anderem zu einer virtuellen Collage zur Frage Wem gehört die Stadt? aufgerufen. Die vielfältigen Bilder, die mit dem Hashtag #gehörtdiestadt auf Twitter und Instagram veröffentlicht wurden, ergeben ein Bild davon, wem die Stadt in der heutigen Zeit gehören kann. Die Debatte am 22. Februar hat zudem gezeigt, dass es gar nicht nur unbedingt darum geht, wem die Stadt gehört. Viel entscheidender für die  urbane Zukunft ist, wer die Stadt zurückerobern möchte und was dafür getan werden muss.

Die Frage der Diskussion am kommenden Sonntag lautet: Wer macht die Stadt? Und auch dieses Mal wollen wir uns der Frage, zu der am 22. März Teilnehmer aus München, Madrid und New York City diskutieren werden, fotografisch und filmisch nähern und rufen euch zur virtuellen Collage auf! Sind es Städteplaner, Bauherren, Politiker oder doch einzelne Interessensgruppen, die die Stadt machen? Sind die, die die Stadt zu dem machen, was sie ist, auch die, die sie aktiv mitgestalten?

Teilt eure Eindrücke in Form von Videos und Bildern mit dem Hashtag #machtdiestadt!