Finale: Letzte Uraufführung

Mit unserer letzten Uraufführung UNTIL OUR HEARTS STOP kehrt die Choreographin und Tänzerin Meg Stuart noch einmal zurück an unser Haus. Die Produktion, die heute in der Spielhalle Premiere hat, vereint sechs Performer und drei Musiker an einem Ort des Begehrens und der Illusion. Dramaturg Jeroen Versteele hat eine Dokumentation über den Entstehungsprozess gedreht, die 45 Minuten vor Beginn zu jeder Vorstellung im Foyer der Spielhalle gezeigt wird.

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Brutalität des Alltäglichen

Mit zwei ausverkauften Vorstellungen war WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? in dieser Woche auf dem Berliner Theatertreffen zu Gast. Am Freitag, 8.5., zeigen wir Susanne Kennedys Inszenierung wieder im Schauspielhaus – mit anschließender Münchenpremiere des Dokumentarfilms FASSBINDER im Rahmen des DOK.fests. Oliver Franke nimmt sich unserer Inszenierung in einem Artikel auf dem Theatertreffen-Blog an.

Sei ein aufopferungsvoller und liebender Ehemann und Vater! Sei ein freundlicher, zuvorkommender Nachbar! Sei eine konstruktive Kraft in der arbeitsökonomischen Verwertungskette! Herr Raab – Familienvater, Nachbar, Arbeitskollege – scheint all diesen Imperativen nachzugehen. Doch das Streben nach einem kleinbürgerlichen Lebensideal führt zur totalen Selbstaufgabe und schlussendlich in die Katastrophe.

In lose aneinandergereihten, improvisierten Szenen erzählt der Film „Warum läuft Herr R. Amok“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder die Geschichte der sukzessiven Entfremdung eines Mannes von seinem sozialen Umfeld und sich selbst. Einem Menschen, der keinen Halt findet in seinem Lebensalltag und lediglich in Zuschreibungen und Erwartungshaltungen, die seine Mitmenschen auf ihn projizieren, seine Existenzberechtigung sucht. Jedoch bleibt letztlich die Frage nach dem „Warum?“ ungelöst. Warum Herr Raab seine Familie und Nachbarin umgebracht hat, bleibt unerklärlich und in seiner offensiven Beiläufigkeit zutiefst erschütternd und bedrohlich.

Susanne Kennedys Inszenierung des gleichnamigen Films liefert dankenswerterweise ebenfalls keine Antworten auf die Titelfrage. Vielmehr intensiviert sie die Ratlosigkeit, die das Schicksal von Herrn Raab und seiner Familie hinterlässt, durch eine konsequente Bühnenästhetik der ‚exzessiven’ Reduktion und Entschleunigung. Kennedy liebt es, ihre DarstellerInnen in ein fest reglementiertes Darstellungsrepertoire zu zwängen. Bereits in ihrer Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ erzeugte sie Verfremdungen der Zuschauerwahrnehmung, indem die AkteurInnen in statische Szenenbilder gruppiert wurden und mittels einer bereits aufgenommenen Tonspur die Textpassagen im Playback nachsprachen. Dieses Konzept der Entmächtigung innerhalb der Darstellung wird nun in der neuen Inszenierung fortgesetzt und auf die Spitze getrieben. Die Stimmen wurden von Laien aufgenommen und das mimische Spiel verschwindet beinahe gänzlich hinter Gesichtsmasken.

Was bleibt, sind Hybride zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Marionettenhaftigkeit und individuellem Gestenrepertoire der DarstellerInnen. Statt plastisch ausgeformter Figuren gibt es grob skizzierte Charakterentwürfe – austauschbare Instanzen, Leidensstationen auf dem Weg in den Tod. Immer wieder schlüpfen die DarstellerInnen abwechselnd in die verschiedenen Rollen. Ein inszenatorischer Kniff, der die Austauschbarkeit und Allgemeingültigkeit des Figurenrepertoires verdeutlicht. Seltsam und befremdlich schauen sie aus, die SchauspielerInnen, in dieser sterilen, holzverschalten Vorhölle – mitsamt Gummipflanze und Linoleum-Fliesenimitat –, die den Charme von Un-Orten wie Wartesälen oder Bahnhofsspielhallen versprüht. In einzelnen Szenenbildern werden alltägliche Situationen in ihrer ernüchternder Banalität und ihren perfiden Machtstrukturen zu einem Sittengemälde unerträglich dumpfer und erniedrigender Selbsttäuschung zusammenmontiert.

Der Kampfplatz ist überall – ob im Wohnzimmer, im Plattenladen oder auf der Straße. Immer wieder stößt Herr R. auf Ablehnung und Unverständnis. Kennedy exerziert dies in teilweise unerträglich statischen Bildern und einer brutal-konsequenten Klarheit. Die Inszenierung hat nicht nur die Struktur der einzelnen heterogenen Szenenfragmenten des Films übernommen, sondern auch eine höchst stilisierte und ausdrucksstarke Form gefunden, die atmosphärische Qualität des Films in seiner Darstellung und ‘Fühlbar-Machung’ der Lethargie, Tristesse und Sprachlosigkeit innerhalb der kleinbürgerlichen Familie in den theatralen Kontext zu transferieren .
Die Banalität und Brutalität des Alltäglichen werden somit auf die Bühne gehievt und maßlos vorgeführt.

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Gastbeitrag aus dem Theatertreffen-Blog von Oliver Franke

Den Artikel finden Sie auf dem Theatertreffen-Blog

„Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens“

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus zeigen wir in Zusammenarbeit mit dem DOK.fest München den Dokumentarfilm FIRST CLASS ASYLUM von Nina Wesemann (Freitag, 20. März, 20 Uhr, Werkraum). Philipp Großmann vom DOK.fest hat die Filmemacherin getroffen und mit ihr über die Entstehung ihres Projekts gesprochen:

Im Juni 2013 errichteten Flüchtlinge auf dem Rindermarkt Zelte und treten in einen Hunger- und schließlich Durststreik, um ihre Anerkennung als Asylberechtigte zu fordern. In den Zelten harren sie sieben Tage aus, bis das Camp mitten in der Nacht von der Polizei geräumt wird. Eine öffentliche Demonstration der Verzweiflung – filmisch ganz nah begleitet durch Niklas Hoffmann, Alexandra Wesolowski und Nina Wesemann.

DOK.film: Der Hungerstreik war eine spontane Aktion, die sich aus einer allgemeinen Demonstration für die Verbesserung der Situation Flüchtlinge ergab. Kannst du erklären, wie es zu dem Film kam?

Nina Wesemann: Alex und Niklas haben an der Demonstration teilgenommen und mich dann angerufen, als feststand, dass es zu einem Hungerstreik kommen würde. Die ersten vier Tage war uns gar nicht klar, dass wir einen Film drehen, aber es schien uns von Anfang an sehr wichtig, da zu sein und auch zu filmen. Wir nahmen eine Art Zwischenrolle ein, waren anfänglich mehr Supporter als Filmemacher. Ich denke, das hat dazu geführt, dass die Protestierenden uns schneller kennengelernt und sich an uns gewöhnt haben. Irgendwann haben wir dann aber nur noch gefilmt.

Wie wurdet ihr von den Streikenden wahrgenommen? Hat sich das Verhältnis geändert, als ihr dann nur noch gefilmt habt?

Allgemein waren sie eher zurückhaltend. Wenn wir gefragt wurden, was wir dort eigentlich machen, antworteten wir, dass wir von der Filmhochschule sind und uns der Hungerstreik und ihre Perspektive interessiert. Teilweise führte das aber auch zu komischen Situationen, da sie uns nicht wirklich einordnen konnten. Mit der Zeit haben sie sich jedoch nicht mehr gefragt wer wir sind, oder was wir machen und dadurch hatten wir im Vergleich zu den konventionellen Medien eine Art Bonus.

Ihr durftet ja auch im Zelt drehen.

Nur zu Anfang, dann wurde es strenger. Als die Aufmerksamkeit wuchs und sich immer mehr Leute am Platz aufhielten, wurde es den Flüchtlingen zu heikel. Es war schwierig für sie, den Umgang mit den Medien zu kontrollieren und auch uns wurde öfter gesagt, dass wir rausgehen sollen. Leider konnten wir zum Beispiel die Plenen nicht filmen, die die Protestierenden zweimal täglich abhielten.

Wie wurdet ihr von offizieller Seite wahrgenommen? Gab es während den Dreharbeiten Kontakt zu Behörden oder Polizei?

Nicht direkt. In Kontakt waren wir zum Beispiel mit dem Kreisjugendring und dem Flüchtlingsrat, aber eher um uns auszutauschen und weil sie wichtige Informationen für uns hatten. Es gab die ganze Woche über viele Spekulationen über den weiteren Verlauf und die verschiedenen Interessen. Die Polizei hat nicht wirklich auf uns reagiert, wir wurden einfach als Fernsehteam eingeordnet. In einer Szene sieht man eine Diskussion zwischen Ashkan Khorasani (der Wortführer des Camps, Anm. d. Red.), der Übersetzerin und einem Polizisten. Da merkt man, dass die Kamera dem Polizisten zu nahe ist. Weggeschickt wurden wir aber nie. Anders war es bei der Räumung. Die Polizei stürmte das Camp um halb fünf Uhr morgens. Zu diesem Zeitpunkt waren nicht viele Medienvertreter da und die Anwesenden wurden weggedrängt – man würde den Einsatz stören. Das Filmen war dadurch kaum noch möglich.

Kürzlich kam es, die Räumung des Camps betreffend, zu einem neuen Urteil. Das Landgericht München stellte fest, dass die Anordnung einer Räumung nicht in die Zuständigkeit des Kreisverwaltungsreferats fiel. Bemängelt wurde auch, dass den Streikenden vor der Räumung nicht genug Zeit gegeben wurde, den Platz freiwillig zu verlassen. Wie stehst du zu diesem Urteil?

Ich halte das für ein sehr gutes Urteil. Ich kenne mich rechtlich nicht ganz genau aus, aber wer die Räumung miterlebt hat, weiß, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Mit Menschen, die total fertig sind, nach sieben Tagen Hunger- und Durststreik, muss man vorsichtiger umgehen. Auch die Durchsage, das Camp zu räumen, hätte früher kommen müssen – man wurde komplett überrascht. Plötzlich kamen Polizisten angelaufen. Somit ist es gut, dass es zu diesem Urteil kam, da es das Geschehene noch einmal in Erinnerung ruft.

Den Film gibt es ja nun schon ein Jahr und er wird immer wieder in verschiedenen Städten gezeigt. Haben die Entstehung des Films und das Feedback der Zuschauer deine Einstellung als Filmemacherin verändert?

Ich würde nicht sagen „verändert“. Aber wir haben auf jeden Fall viel gelernt. Es gibt jetzt diesen Film, der quasi ein Zeitdokument geworden ist, und damit haben wir eine große Verantwortung. Bei den Vorführungen merkt man, dass Leute, die selbst dabei waren, ihre Erinnerung an den Film adaptieren. Viele Zuschauer wirken auch wirklich erschöpft, nachdem sie den Film gesehen haben.

Besonders der Schnitt war eine schwierige Aufgabe, da wir eine Woche in eineinhalb Stunden zusammenfassen mussten und es uns besonders wichtig war, Vielschichtigkeit aufzuweisen und eben keine eindeutige Antwort zu liefern. Der Zuschauer soll sich selbst Fragen stellen und sich Gedanken machen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Hereinnahme von einzelnen Aussagen oder Aufnahmen genau abzuwägen, da selbst kleine Änderungen viel am Gesamtbild ändern können.

Wie schätzt du die Aktion im Nachhinein ein? Würdest du sagen, dass der Protest auch in der Politik nachhaltig Gehör fand?

Menschen, die sich mit der Thematik beschäftigen, sehen den Rindermarkt-Streik deutschlandweit als einschneidenden Protest, da er eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Viele Leute haben sich damit beschäftigt – auch Politiker. Aber gerade der Austausch innerhalb der Bevölkerung war für mich eine der positivsten Erscheinungen. Kurzzeitig gab es einen Ort, an dem die verschiedensten Meinungen aufeinandertrafen und es zu einem wirklichen Dialog kam.

Auch auf konkreterer Ebene hat sich etwas getan. Die Fälle der beteiligten Flüchtlinge wurden noch mal überprüft und viele haben eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Der genaue Zusammenhang mit dem Protest ist schwer einzuschätzen, aber ich denke schon, dass er für eine gewisse Beschleunigung gesorgt hat.

Aktuell ist ja auch oft von den Zuständen in den Flüchtlingslagern die Rede. Wie siehst du diese Problematik?

Ich denke es ist sehr wichtig, dass sich das Selbstbild der Flüchtlinge verändert. Dabei würde es natürlich sehr helfen, wenn sich ihre Ankunfts- und Lebensumstände verbessern würden. An schöneren, menschenwürdigeren Orten hätten sie ein anderes Selbstverständnis, was den Umgang mit dem neuen Land und der Bevölkerung sicher leichter machen würde. Man könnte besser aufeinander zugehen. Hier kann man schon mit kleinen Verbesserungen etwas bewirken. Nichtsdestotrotz ist es wichtig darüber hinaus die Themen Bildung, Arbeit und Residenzpflicht anzugehen. Das sind alles Kernpunkte, mit denen wir uns dringend auseinandersetzen müssen.

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