Endspurt für BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA)

Armin Petras‘ Inszenierung des Fritz-Kater-Textes BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA) ist nur noch wenige Male in der Spielhalle zu sehen. Am 18. Mai hat das Münchner Publikum zum letzten Mal die Chance, Teil dieser intensiven Theatererfahrung zu werden. Die Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart wird dort in das Programm der nächsten Spielzeit aufgenommen. Zum Endspurt zeigen wir hier eine Auswahl von BUCH-Augenblicken (Fotos: Conny Mirbach).

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Brutalität des Alltäglichen

Mit zwei ausverkauften Vorstellungen war WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? in dieser Woche auf dem Berliner Theatertreffen zu Gast. Am Freitag, 8.5., zeigen wir Susanne Kennedys Inszenierung wieder im Schauspielhaus – mit anschließender Münchenpremiere des Dokumentarfilms FASSBINDER im Rahmen des DOK.fests. Oliver Franke nimmt sich unserer Inszenierung in einem Artikel auf dem Theatertreffen-Blog an.

Sei ein aufopferungsvoller und liebender Ehemann und Vater! Sei ein freundlicher, zuvorkommender Nachbar! Sei eine konstruktive Kraft in der arbeitsökonomischen Verwertungskette! Herr Raab – Familienvater, Nachbar, Arbeitskollege – scheint all diesen Imperativen nachzugehen. Doch das Streben nach einem kleinbürgerlichen Lebensideal führt zur totalen Selbstaufgabe und schlussendlich in die Katastrophe.

In lose aneinandergereihten, improvisierten Szenen erzählt der Film „Warum läuft Herr R. Amok“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder die Geschichte der sukzessiven Entfremdung eines Mannes von seinem sozialen Umfeld und sich selbst. Einem Menschen, der keinen Halt findet in seinem Lebensalltag und lediglich in Zuschreibungen und Erwartungshaltungen, die seine Mitmenschen auf ihn projizieren, seine Existenzberechtigung sucht. Jedoch bleibt letztlich die Frage nach dem „Warum?“ ungelöst. Warum Herr Raab seine Familie und Nachbarin umgebracht hat, bleibt unerklärlich und in seiner offensiven Beiläufigkeit zutiefst erschütternd und bedrohlich.

Susanne Kennedys Inszenierung des gleichnamigen Films liefert dankenswerterweise ebenfalls keine Antworten auf die Titelfrage. Vielmehr intensiviert sie die Ratlosigkeit, die das Schicksal von Herrn Raab und seiner Familie hinterlässt, durch eine konsequente Bühnenästhetik der ‚exzessiven’ Reduktion und Entschleunigung. Kennedy liebt es, ihre DarstellerInnen in ein fest reglementiertes Darstellungsrepertoire zu zwängen. Bereits in ihrer Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ erzeugte sie Verfremdungen der Zuschauerwahrnehmung, indem die AkteurInnen in statische Szenenbilder gruppiert wurden und mittels einer bereits aufgenommenen Tonspur die Textpassagen im Playback nachsprachen. Dieses Konzept der Entmächtigung innerhalb der Darstellung wird nun in der neuen Inszenierung fortgesetzt und auf die Spitze getrieben. Die Stimmen wurden von Laien aufgenommen und das mimische Spiel verschwindet beinahe gänzlich hinter Gesichtsmasken.

Was bleibt, sind Hybride zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Marionettenhaftigkeit und individuellem Gestenrepertoire der DarstellerInnen. Statt plastisch ausgeformter Figuren gibt es grob skizzierte Charakterentwürfe – austauschbare Instanzen, Leidensstationen auf dem Weg in den Tod. Immer wieder schlüpfen die DarstellerInnen abwechselnd in die verschiedenen Rollen. Ein inszenatorischer Kniff, der die Austauschbarkeit und Allgemeingültigkeit des Figurenrepertoires verdeutlicht. Seltsam und befremdlich schauen sie aus, die SchauspielerInnen, in dieser sterilen, holzverschalten Vorhölle – mitsamt Gummipflanze und Linoleum-Fliesenimitat –, die den Charme von Un-Orten wie Wartesälen oder Bahnhofsspielhallen versprüht. In einzelnen Szenenbildern werden alltägliche Situationen in ihrer ernüchternder Banalität und ihren perfiden Machtstrukturen zu einem Sittengemälde unerträglich dumpfer und erniedrigender Selbsttäuschung zusammenmontiert.

Der Kampfplatz ist überall – ob im Wohnzimmer, im Plattenladen oder auf der Straße. Immer wieder stößt Herr R. auf Ablehnung und Unverständnis. Kennedy exerziert dies in teilweise unerträglich statischen Bildern und einer brutal-konsequenten Klarheit. Die Inszenierung hat nicht nur die Struktur der einzelnen heterogenen Szenenfragmenten des Films übernommen, sondern auch eine höchst stilisierte und ausdrucksstarke Form gefunden, die atmosphärische Qualität des Films in seiner Darstellung und ‘Fühlbar-Machung’ der Lethargie, Tristesse und Sprachlosigkeit innerhalb der kleinbürgerlichen Familie in den theatralen Kontext zu transferieren .
Die Banalität und Brutalität des Alltäglichen werden somit auf die Bühne gehievt und maßlos vorgeführt.

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Gastbeitrag aus dem Theatertreffen-Blog von Oliver Franke

Den Artikel finden Sie auf dem Theatertreffen-Blog

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ging in die 3. Runde

URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADTMünchner Kammerspiele, 22.3.2015

Drei Städte, eine Debatte: Die globale Diskussionsreihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES bringt Experten aus aller Welt live zusammen – hier New York, München und Madrid / Foto: Judith Buss

Wem gehört die Stadt? Wer macht die Stadt? Was ist die gute Stadt? Diese Fragen stellt URBAN PLACES – PUBLIC SPACES – eine globale Debatte zum Leben in der Stadt. Am Sonntag ging die Veranstaltungsreihe des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele in die letzte Runde, bei der auch Johan Simons Gesprächspartner war.

„Ich bin gespannt darauf, was die Experten in den anderen Städten zu sagen haben über das Zusammenleben verschiedener Schichten. Ich habe den Eindruck, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht,“ sagt Johan Simons. Zusammen mit Andres Lepik, Architekturhistoriker und Leiter des Münchner Architekturmuseums, sowie Gesprächspartnern in Südafrika und den Niederlanden diskutiert der Intendant der Münchner Kammerspiele bei der letzten Veranstaltung von URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am Sonntag in den Münchner Kammerspielen über die Zukunft unserer Städte. Zu den Referenten zählen unter anderem Tobias Kokkelmans, Dramaturg des Theaterkollektivs Wunderbaum in Rotterdam und die Architektin und Schriftstellerin Lesley Lokko in Johannesburg.

Was ist eine gute Stadt?

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid gelten die Stadtviertel Johannesburgs im kollektiven Bewusstsein noch immer als weiß oder schwarz, als arm oder reich. Auch durch Rotterdam und München – in ihrem Selbstverständnis liberale Städte – laufen unsichtbare Grenzen. Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus sind bedrohliche Phänomene in vielen europäischen Städten.

Wunderbaum De komst van Xia (c) Krista van der Niet (2)

Zu Gast in Rotterdam: Tobias Kokkelmans vom Theaterkollektiv „Wunderbaum“– hier ein Bild aus dessen Produktion „The New Forest / De Komst van Xia“ / Foto: Krista van der Niet

Wer hat in Südafrika, den Niederlanden und Deutschland Zugang zu Kultur und öffentlichen Räumen? Wie gehen wir mit religiösen Differenzen und Segregation in unseren Städten um? Welche Rolle spielen Kunst und Kultur im Stadtraum? Die Diskutanten in Johannesburg, München und Rotterdam suchen im länderübergreifenden Austausch nach Antworten.

Lokales Handeln, globales Denken

In der Reihe URBAN PLACES – PUBLIC SPACES wurde deutlich: Städte reagieren in vielfältiger Weise auf kulturelle, demografische und wirtschaftliche Veränderungen. Sie sind Räume in stetigem Wandel. Bereits im Februar und März debattierten Aktivisten, Künstlerinnen und Stadtplaner in Live-Videokonferenzen über Partizipation und Gemeinwohl, über die Rolle privater und öffentlicher Akteure in der Stadt. Neben München waren jeweils zwei weitere Städte aus dem weltweiten Netzwerk des Goethe-Instituts zugeschaltet: So entstand ein interkulturelles Gespräch, vielstimmig und mehrsprachig, eine Debatte über lokale Handlungsspielräume und globale Denkräume

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: Sehen Sie, was passiert, bevor sich der Vorhang hebt und die Debatte beginnt. / Film: Goethe-Institut

Wem gehört die Stadt?

Im Februar ging es in Istanbul, São Paulo und München um die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Millionen von Flüchtlingen leben in Istanbul unter oftmals schwierigen Verhältnissen. In São Paulo stellen sich – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ähnliche Herausforderungen. Bei der Veranstaltung brachte es die Soziologin Vera Telles in einem Filmbeitrag auf den Punkt: „Das zentrale Problem ist, dass die Marktlogik die Stadt, aber auch die Institutionen, das Leben, Ideen, Projekte und Vorstellungen neu definiert.“ Mietpreise erleben eine Explosion und viele Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Auch in München werden finanziell schlechter gestellte Menschen aus dem Stadtzentrum gedrängt.

Wo entsteht heute Mitbestimmung an urbanen Entwicklungen? Welche Rolle spielen Mega-Projekte für die Entwicklung unserer Städte? Und wie gehen Istanbul, São Paulo und München mit dem Thema „Housing“ um – gerade auch im Hinblick auf Flüchtlinge? Antworten gaben unter anderem der türkische Filmemacher Imre Azem, die Stadtplanerin Raquel Rolnik aus Brasilien und der Münchner Journalist Alex Rühle.


„Wem gehört die Stadt?“: Hier sehen Sie die Aufzeichnung der Debatte in voller Länge


Wer macht die Stadt?

Vom „wahren öffentlichen Raum“ sprachen David Berkvens und Manual Pascal, beide Mitglieder des Architekturkollektivs Zuloark, als es bei der zweiten Veranstaltung im März um die Frage ging „Wer macht die Stadt?“. In einer Debatte mit New York City und München berichteten die beiden Aktivisten vom Projekt „Campo de Cebada“, einem Platz mitten in Madrid, der von den Anwohnern selbst gestaltet wird. Auch im Brooklyn Navy Yard in New York City wird versucht, das kreative Potenzial von Stadtbewohnern zu nutzen und neue Räume zu erschließen.

Welche Rolle spielen private Initiativen bei der Gestaltung von Städten? Wie kann verlorenes öffentliches Terrain zurückgewonnen werden? Und wie nachhaltig und wirksam sind künstlerische Interventionen zum Thema Stadt, wie das Tanzstück der Münchner Podiumsteilnehmerin Constanza Macras? Neben dem Architekturkollektiv Zuloark beteiligten sich an der Diskussion unter anderem der spanische Kulturproduzent Javier Duero, der New Yorker Architekt Mitchell Joachim sowie die Kuratorin Angelika Fitz.


„Wer macht die Stadt?“: Am 25. April wird die zweite Debatte in voller Länge auf ARD-alpha ausgestrahlt.


URBAN PLACES - PUBLIC SPACES: EINE GLOBALE DEBATTE ZUM LEBEN DER STADT Münchner Kammerspiele, 22.3.2015

Über Live-Streaming, Twitter und den Hashtag #places15 können Interessierte weltweit der Debatte im digitalen Raum folgen und Fragen in die Diskussion einbringen / Foto: Judith Buss

Analog diskutiert, digital begleitet

Auch am Sonntag findet die Veranstaltung wieder zeitgleich in allen drei Städten statt und kann weltweit über Live-Streaming auf www.goethe.de/urbanplaces verfolgt werden. Alle Interessierten in München sind herzlich eingeladen, die Debatte in den Kammerspielen zu besuchen.

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES ist ein Projekt des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele. Medienpartner ist der Fernsehsender ARD-alpha. Sie finden das Projekt auch auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #places15

URBAN PLACES – PUBLIC SPACES am 26. April um 11:00 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele

Tickets gibt es hier.

Mehr Informationen auf der Projektwebseite zu „Urban Places – Public Spaces“ des Goethe-Instituts.

Ein Gastbeitrag des Goethe-Instituts

Carl Oesterhelt vertont Pessoas literarische Schatztruhe

Als Fernando Pessoa 1935 starb, war er nur wenigen Freunden als begnadeter Dichter bekannt. Sein Lebenswerk lag in einer Truhe verschlossen in seinem Haus, der Öffentlichkeit unzugänglich. In den Jahrzehnten nach seinem Tod mühten sich unzählige Literaturwissenschaftler, den Inhalt zu ordnen und zu Gedichtbänden und Romanen zusammenzufügen.

Carl Oesterhelt, der schon die Musik für Inszenierungen wie DANTONS TOD oder DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN komponierte, hat sich vor einem Jahr daran gemacht, aus Pessoas veröffentlichten Werken Liedtexte zusammenzustellen und diesem Ausnahmeliteraten mit DIE TRUHE ein musikalisches Denkmal zu setzen. Wir haben uns mit ihm getroffen und zur Uraufführung seines Stückes, geschrieben für Kammerorchester und Ensemblemitglied und Sänger Benny Claessens,  befragt.

MK Podcast – WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?

Das Berliner Theatertreffen versammelt jedes Jahr die innovativsten und spannendsten Produktionen der deutschen Theaterwelt. 2015 ist auch Susanne Kennedys außergewöhnliche Inszenierung von WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? eingeladen. Ihrer Bühnenadaption, nach einem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler, widmet sich auch die erste Folge unseres MK Podcasts. Hier versammeln wir Stimmen zum Stück, Informationen zur Inszenierung und Ausschnitte, ganz bequem zum Anhören, ob unterwegs oder zuhause.

HIER SIND WIR!

„Man nennt uns Zigeuner“, erzählt uns einer der Mitwirkenden von IMPROMA: HIER SIND WIR! Sinti und Roma erfahren auch heute noch Ausgrenzung und Diskriminierung aus der Gesellschaft. Auch darum geht es bei dem Theaterprojekt IMPROMA: HIER SIND WIR! Ein Theaterabend mit Improvisationselementen, der rund um Ängste, Mut und geheime Wünsche kreist. 15 Kinder und Jugendliche aus Sinti- und Roma-Familien und Andreas Wolf vom fastfood theater arbeiten seit Sommer 2014 an diesem Projekt. Am 15. und 16. April bringen sie ihr Stück im Werkraum der Münchner Kammerspiele auf die Bühne. Wir haben uns mit vier der mitwirkenden Jugendlichen und dem Projektleiter Alexander Adler getroffen. Im Interview erfahrt ihr mehr über ihre Erfahrungen, das Projekt und den besonderen Zusammenhalt der Gruppe.


Interview: Beatrix Rinke, Video: Dirk Windloff

Fall out Love

POLLYESTER präsentierten am Samstag bei uns im Schauspielhaus ihr neues Album CITY OF O.

POLLYESTER (C) Markus Burke

POLLYESTER
(C) Markus Burke

Frontfrau Polly hat für uns eine Playlist zusammengestellt und erzählt, welche Geschichten sie mit diesen Songs verbindet. Für alle, die sich schon ungemein auf Samstag freuen und die Vorfreude noch steigern wollen, hier die exklusive Auswahl:

Fall out Love – Anhören »Dieses Lied beschreibt die Unmöglichkeit, sich zu entlieben. Das fand ich schon immer verrückt. Dass die Traurigkeit vieler Menschen nicht Mangel an, sondern die Unterdrückung von Liebe ausmacht.«

Jalousie – Anhören »Jalousie ist ein Wortwunder. Ursprünglich ein Lamellenvorhang, in Arabien erfunden, damit die Männer ihren Harem gut im Blick haben, ohne selbst gesehen zu werden. Daraus entsteht das Wort Jalousie, das in einigen Sprachen heute „Eifersucht“ bedeutet. Ein faszinierendes Stück „Design“.«

My father’s eye – Anhören »At the time when I was a twinkle in my father’s eye – Als mein Vater 2012 verstarb und die erste Trauer vergangen war, kam die zweite Trauer. Eine besonnene, investigative und befreite Trauer. In dieser Zeit wünschte ich mir sehr, in die Augen meines Vater zu blicken, bevor ich, sein Kind, noch nicht einmal der Hauch einer Idee war.«

2328628 – Anhören »Dieses Lied ist eigentlich ein Witz. Es ist meine Telefonnummer. Sie hat eine schöne Melodie, wenn man sie auf englisch spricht / singt und einen eigenen Rythmus. In der Zeit, wo alle versuchen ihre Daten zu schützen, dachte ich, wäre es interessant zu sehen was passiert, wenn man das Gegenteil tut und seine Daten preisgibt. Lustigerweise passiert gar nichts! Es ruft niemand an!«

City of Orion I – Anhören »Dieses Fantasiestück ist mit der Fantasie von der Stadt des Orion in der marokkanischen Wüste entstanden. Das ist ein wundervolles Bauwerk, das der Huldigung des Sternbildes des Orion dient. Das Lied ist Musik für die Wüste.«

Alle Lieder sind dem Album CITY OF O von POLLYESTER entnommen. Veröffentlicht auf Disko B und Schamoni Musik, 30.1.15.

Wer ist Pop und wer ist Hochkultur?

Gerade findet in Hamburg die diesjährige SOCIAL MEDIA WEEK 2015 statt. Das Thema lautet „Reimagining Humanity“.
Im Thalia Theater werden heute im Austausch mit Bloggern und Onlineredakteuren Fragen diskutiert wie: Was ist Pop, was ist Hochkultur und warum spielt das beim Schreiben über Theater eine Rolle? Spricht mich eine klassische Theaterkritik im Feuillton an?

Direkt aus der Veranstaltung wird unter dem Hashtag #SMWHHTC getwittert.

Ab 16.30 Uhr könnt ihr hier im Livestream die Diskussionen rund um das Thema Blogging und klassische Theaterkritiken zudem mitverfolgen:

https://www.blitzvideoserver.de/player.html?serverip=62.113.221.8&serverapp=thaliaTheater-live&streamname=livestream&live=1&autostart=1

Intendantentausch

Zwei Häuser waren – gleich an Würdigkeit – Hier in (….), wo die Handlung steckt, Durch alten Groll zu neuem Kampf bereit …… Die Maximilianstraße, die zwischen den Kammerspielen und dem Residenztheater liegt, ist schon längst kein unüberwindbarer Graben mehr. In dieser Spielzeit wechselten die Intendanten für jeweils eine Produktion die Straßenseite. Johan Simons inszenierte FAUSTIN AND OUT am Residenztheater, Martin Kušej hat am Samstag, 21. Februar, Premiere an den Kammerspielen mit JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN.

Austausch zweier Literaturgiganten

Vor zwei Wochen, am 5. Februar wäre mit William S. Burroughs einer der großen amerikanischen Autoren 101 Jahre alt geworden. Er ist einer der Literaten, die in den 50er und 60er Jahren einer Gruppe von jungen Schriftstellern angehörten, die die zwei prägendsten Figuren der Beat-Literatur, Jack Kerouac und Allen Ginsberg, hervorbrachte. Wie bei keinen anderen stellt ihr Schaffen eine neue Art von Schreiben dar, intimer und ehrlicher, als es das gesellschaftliche Klima ihrer Zeit eigentlich zugelassen hätte. Am Montag, den 16.2., lesen Steven Scharf und Edmund Telgenkämper im Rahmen der vierten und letzten Jahrhundertbriefe im Schauspielhaus aus Briefen der beiden Autoren.

Die beiden Schriftsteller stehen noch viel mehr als Burroughs für das literarische Erbe einer Generation von jungen Menschen, fremd in ihrer Zeit, immer UNTERWEGS, von Denver bis New York, über Mexiko nach Tanger. Ruhe- und rastlos wie ihre Autoren. Kerouac musste wegen einer psychischen Erkrankung die Navy verlassen und Ginsberg wurde Zeit seines Lebens für seine offen gelebte Homosexualität diffamiert. Die beiden hatten sich 1944 an der Columbia University getroffen, wo sie auch Neil Cassady kennenlernten, der später für Kerouacs Dean Moriarty aus ON THE ROAD Modell stehen sollte. Er und Ginsberg wurden Mitbewohner und zeitweise Liebhaber.

In den Mitgliedern dieser Clique von jungen Intellektuellen fand Kerouac die realen Vorbilder für die Figuren in seinem Erstlingswerk ON THE ROAD, das er 1957 veröffentlichte und das ihn schlagartig zum Führer und seinen Roman zur Bibel der Beatniks machen sollte. Ein Jahr zuvor hatte Ginsberg HOWL veröffentlicht, das er als Schreibtherapie begonnen hatte und seinem Freund Carl Solomon widmete, den er zuvor in einer Nervenheilanstalt kennengelernt hatte.

Beide Werke wurden anfangs nicht sehr wohlwollend aufgenommen. Ein Kritiker nannte ON THE ROAD eine „Serie von Grunzlauten eines Neanderthalers“, HOWL wurde einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch den der Veröffentlichung folgenden „obscenity-trial“ bekannt, als sich Ginsberg und sein Verleger wegen grafischen Schilderungen von Homosexualität und Heroinkonsum vor Gericht verantworten mussten und das Gedicht vorübergehend auf dem Index landete.

Der Wandel, den beide Autoren in den Augen der Gesellschaft im Laufe der Zeit durchmachten, ist unvergleichlich. Anfangs als langhaarige Hipster, Kommunisten und Landstreicher verschrien, stiegen sie in den folgenden Jahrzehnten zu gefeierten Helden der Literaturgeschichte auf. Scharf und Telgenkämper lesen Auszüge aus einer 25 Jahre andauernden Korrespondenz und geben einen intimen Einblick in den künstlerischen Austausch und die persönliche Beziehung dieser beiden Literaturgiganten.