Theaterlexikon

Fakten, Fragen, sagenhafte Geschichten und Anekdoten rund um die Theaterwelt. Nach und nach posten wir hier regelmäßig neue Beiträge von A bis Z.

A wie Aberglaube
Pfeifen oder essen auf der Bühne? Tabu. Zum falschen Zeitpunkt klatschen, über die falsche Schulter spucken oder auf ein „Toi toi toi“ mit Danke antworten – geht gar nicht. Das drohende Unglück, das ein heruntergefallenes Textbuch nach sich ziehen könnte, ist nur noch abzuwenden, indem man es dreimal tritt. Und keinesfalls sollte „Macbeth“ in Bühnennähe laut ausgesprochen werden. Da bezieht man sich besser auf „dieses schottische Stück“. Die Arbeit am Theater wird von Ritualen und Verboten bestimmt, die mindestens genauso alt sind wie der Beruf des Schauspielers. Einige werden heute noch penibel eingehalten, andere nur noch von besonders abergläubischen Schauspielern beachtet.
Aber leichtfertig begeht niemand eine Premiere oder eine andere Vorstellung, in der alles live ist und bis ins kleinste Detail abgestimmt sein und funktionieren muss. Eine gewisse Nervosität und eine große Ehrfurcht schwingen immer mit. Manche dieser Ge- und Verbote lassen sich ganz einfach begründen, wenn man sie zurückverfolgt. Dass das Pfeifen im Bühnenraum verboten ist, kommt wahrscheinlich aus der Zeit, in der die Theater noch mit Gaslampen beleuchtet wurden. Wenn eine Lampe undicht war und das Gas heraustrat, gab es ein pfeifendes Warngeräusch. Und mit „Toi Toi Toi“ wurde vermutlich der Teufel verjagt, von der linken Schulter gespuckt (übrigens wird erst gespuckt, wenn der Schauspieler bereits in Maske und Kostüm ist!). Und wer sich im Zusammenhang mit dem Teufel bedankt, ist – nun ja – selbst des Teufels.

B wie Banane
Bananen sind gesund und ein guter Energielieferant. Das wissen auch unsere Schauspieler. Statt sich während der Proben mit Schokolade oder Gummibärchen vollzustopfen, greifen sie lieber zur leckeren Frucht.
Aber es geht nicht immer so appetitlich zu.
Denn Bananen kommen nicht nur hinter der Bühne zum Einsatz. In DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL und ORPHEUS STEIGT HERAB wird die Frucht zu gelber Pampe und matschiger Spucke zerkaut. Um gleich darauf wieder ausgespuckt zu werden. Das ist zwar eine eklige Angelegenheit, stellt aber auf eine einfache Art und Weise Erbrochenes dar.
Allerdings, wenn man sich überlegt, dass auch rohe Eier gern für solch einen Zweck verwendet werden, würden viele wahrscheinlich doch die Banane vorziehen.
Neben diesen Verwendungszwecken kann die Südfrucht auf der Bühne aufgrund ihrer Form auch als Symbol der Fruchtbarkeit und der männlichen Sexualität gelten. Aber das kommt auf die Inszenierung an.

C wie Clown
Der Clown ist vorwiegend im Zirkus anzutreffen, findet bisweilen aber auch seinen Weg auf die Theaterbühne und – zum 125. Geburtstag von Charlie Chaplin – auch in unser Theaterlexikon.
Dabei hat der Clown (lat. colonus: Bauerntölpel) seinen Ursprung im Theater: Er unterhielt die Zuschauer englischer Bühnenstücke im 16. Jahrhundert während der Pause. Später erhielt er Verstärkung in Gestalt von Harlekin, Pierrot und Pulcinella in der Commedia dell’arte. Im 17. Jahrhundert sorgte Molière und ein Jahrhundert später Carlo Goldoni dafür, dass die Figur des Clowns im Theater bedeutend weiterentwickelt wurde.
Im 21. Jahrhundert, in der Spielzeit 2012/13, bevölkerten einige Vertreter dieser Gattung schließlich auch die Bühne der Spielhalle an den Münchner Kammerspielen. Verkörpert wurden sie von einer Gruppe von Schauspielerinnen und Schauspielern aus Budapest, München, Tallinn und Helsinki. In DER IMAGINÄRE SIBIRISCHE ZIRKUS DES RODION RASKOLNIKOW, das auf Dostojewskis SCHULD UND SÜHNE basiert, sind die Clowns grausam und schäbig, ein wenig lustig und ziemlich traurig. Und erst wenn ein Clown diese Ambivalenz in sich vereint, wird er zu dem faszinierenden Wesen, das uns so sehr in seinen Bann zieht. Eine Kunst, auf die sich Charlie Chaplin, der in THE REST IS NOISE III in Gestalt von Kristof Van Boven übrigens auch schon auf unserer Bühne zu sehen war, hervorragend verstand.

D wie Digitalisierung
„Das Internet ist eine völlig neue Schiene“, sagte unser Intendant Johan Simons neulich auf dem Berliner Theatertreffen in einem Interview. Zur selben Zeit fand um die Ecke die Konferenz „Theater und Netz“ statt, wo sich die Menschen trafen, die irgendwas mit Internet und Theater machen. Und so sehr seine Aussage erst mal an Merkels „Neuland“-Spruch erinnert, trifft sie doch ziemlich ins Schwarze, wie sich auf der Konferenz zeigte. Für das Theater ist das Internet tatsächlich eine ziemlich neue Schiene. Auch wenn die meisten mittel- bis großen Häuser die Sozialen Medien mit ihren Accounts bevölkern, fehlen noch Struktur, Ziel und Orientierung. Es ist ein bisschen so, als bahne sich jeder seinen eigenen Pfad – ob das Regisseure, Performance-Künstler oder die Presse- und Öffentlichkeitsabteilungen der Kultureinrichtungen sind.
Am ersten Mai-Wochenende hatte auf einmal jeder Twitteraccount ein Gesicht und man tauschte sich aus, hörte zu, diskutierte, spielte und workshoppte. Klingt lustig, war es auch, und doch bleibt am Ende Ratlosigkeit. Wie geht es weiter? Was machen wir mit dieser riesigen Spielwiese, die da noch taufrisch vor uns liegt? Wann beginnen Theater, sich mit mehr Mut auf sie zu stürzen und sie tatsächlich als Bühne zu nutzen?
Auf dem Panel „Theater 2.0 – Was bedeuten die sozialen Medien für die Kunst?“ mit Jochen Strauch (Thalia Theater) und Alexander Kerling (Theater Dortmund) sammelte die Moderatorin Anne Peter (nachtkritik.de) Beispiele für virtuelle Theaterprojekte. Sie ließen sich an einer Hand abzählen. Ob Effi Briest auf Facebook wirklich so gut funktioniert hat, mag dahingestellt bleiben. Aber das Maxim Gorki Theater hat sich getraut, hat den Versuch gewagt, das Medium buchstäblich zu bespielen. Es gibt Regisseure wie Luk Perceval, die nicht davor zurückscheuen, ihre Proben zu filmen und ins Netz zu stellen. Angst, dass er damit zu viel verraten oder das Publikum abschrecken könnte, hat er nicht. Im Gegenteil, das Internet gibt den Theatern die Chance, sich zu öffnen, Hemmschwellen abzubauen und über Städte- und Ländergrenzen hinaus Interesse zu wecken und ganz konkret ein neues Publikum anzusprechen. Vernetzung heißt das Zauberwort. Die Aufbruchstimmung macht sich immer breiter. Und die gute Nachricht: Es gibt noch jede Menge Platz im Internet!

E wie Eis
Feuer, Nebel, Donner, Blitz, Regen, Schnee. Nur noch wenige Inszenierungen kommen heute ohne Spezialeffekte aus. Um diese Naturphänomene auf der Bühne möglichst realistisch darzustellen, greifen viele Regisseure tief in die Trickkiste. In der befindet sich auch Trockeneis. Es besteht aus festem CO2, das eine Besonderheit besitzt: es kann nicht schmelzen, sondern geht bei – 78,48° Celsius direkt in die Gasphase über. Somit ist es zur Erzeugung von Nebel bestens geeignet. Das Ergebnis könnt ihr in der Inszenierung MÄRZ bestaunen (aber nur noch bis Dezember). Hier wird die Atmosphäre auf der Bühne und im Zuschauerraum durch den Nebel beeinflusst – und das ohne unangenehme Gerüche abzusondern. Aber Vorsicht! Trockeneis kann zu Kälteverbrennungen führen und darf deshalb unter keinen Umständen berührt werden.

Auch gewöhnliches Eis kommt auf der Bühne zum Einsatz. In Elfriede Jelinkes DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL. ist der gesamte Bühnenboden mit Eis bedeckt. Die Bühnentechniker beziehen es von einer Eismanufaktur. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn werden zwei große Kühlkisten mit Eis geliefert, deren Inhalt anschließend sorgfältig auf der Bühne verteilt wird. Während der Inszenierung schmilzt das Eis nach und nach. Am Ende des Abends bleibt nicht viel davon übrig und die Schauspieler müssen aufpassen, dass sie auf der nassen Bühne nicht ausrutschen.
Wer sich weder das Eis noch das großartige Ensemble entgehen lassen möchte, sollte sich beeilen: am Donnerstag, 06.11.2014 zeigen wir das Stück zum letzten Mal.

F wie Fritz Kater
Wo war eigentlich Fritz Kater bei der Uraufführung seines neuesten Textes BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA)? Wer den Regisseur Armin Petras gesehen hat, hat zumindest seinen längsten Weggefährten gesehen. In einem Interview erzählt Petras, dass es eigentlich unmöglich sei, Fritz Katers Stück BUCH auf die Bühne zu bringen. Er hat es trotzdem getan.

Ein Bild kann man sich zwar nicht direkt von Fritz Kater machen, weil es keine Fotos gibt. Einige biographische Informationen kursieren aber durchaus. Er wurde 1966 in der DDR geboren, ist somit zwei Jahre jünger als der Regisseur. Letzterer ist auch erst mit fünf Jahren in die DDR übergesiedelt. Nach seinem Wehrdienst machte Fritz Kater eine Lehre als Fernsehmechaniker und arbeitete u.a. mit freien Theatergruppen im kirchlichen Bereich. 1987 reiste er in die BRD, bevor er drei Jahre später nach Berlin zurückkehrte. Zu dieser Zeit begann er, seine ersten Stücke zu schreiben, die Armin Petras dann meistens inszenierte. 2003  erhielt Fritz Kater den Mülheimer Dramatikerpreis. Im selben Jahr und im Jahr darauf wurden seine Texte von der Theaterzeitschrift „Theater Heute“ zu Stücken des Jahres gekürt. Auch auf Preisverleihungen sucht man Fritz Kater aber meist vergeblich.

BUCH (5 INGREDIENTES DE LA VIDA) ist eine Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart, wo es in der nächsten Spielzeit zu sehen ist. Wir zeigen die Produktion bis zum 18. Mai.